1. Dezember  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 3

 

Die Arbeiten zum Bau der ersten Eisenbahnstrecke im Königreich Hannover begannen am 18. Juli 1842 in Lehrte. Ein Jahr zuvor hatte König Ernst-August bekannt gegeben, dass die Städte Hannover und Braunschweig sowie Hildesheim und Celle durch eine Kreuzbahn miteinander verbunden werden sollten. Diesem gemeinschaftlichen Großprojekt der Hannoveraner mit dem Herzogtum Braunschweig waren langwierige Verhandlungen vorausgegangen und eine Einigung war nicht zuletzt wegen des Drängens aus Berlin zustande gekommen.

 

Der riesige Finanzbedarf von Bahnprojekten in dieser Zeit war auch die Geburts-stunde der modernen Aktiengesellschaften, für die es damals noch keine gesetzlichen Regelungen gab. Im Königreich Hannover fanden sich jedoch keine privaten Geldgeber und eine Unterstützung durch den Staat Preußen, der den Hannoveranern dieses anbot, kam für König Ernst-August nicht in Frage. So wurde das Vorhaben von einer staatlichen Eisenbahn-Kommission geplant und finanziert, die 1843 von der neu eingerichteten Eisenbahn-Direktion Hannover abgelöst wurde.

 

Der Bahnhof Lehrte im Jahr 1843
Der Bahnhof Lehrte im Jahr 1843
Das historische Bahnhofsgebäude heute
Das historische Bahnhofsgebäude heute

 

Mit Bahnkreuzungen dieser Art, wie man sie in Lehrte plante, hatte man zu dieser Zeit in Deutschland noch keine Erfahrung gemacht, so dass man Bahnspezialisten aus Belgien heranziehen musste. Den einzigen vergleichbaren Bahnknotenpunkt gab es nämlich in der belgischen Stadt Mechelen. Dort war sieben Jahre zuvor die Strecke zwischen Brüssel und Mechelen eröffnet worden, welche damals die erste Bahnverbindung für Personenzüge auf dem europäischen Festland war. 


Die für Lehrte zahlreich benötigten Arbeiter und Bahntechniker wurden in unmittelbarer Nähe zur geplanten Bahnkreuzung angesiedelt, zusammen mit allen erforderlichen Versorgungseinrichtungen. Für die alteingesessenen Einwohner des Dorfes Lehrte waren die vielen, fast ausschließlich männlichen, Neuankömmlinge keine willkommenen Gäste und man fürchtete sich zunehmend um die allgemeine Sicherheit. Dieser Sorge wurde mit der Einrichtung einer eigenen Lehrter Polizeiwache entgegengetreten, der ersten im Gebiet des "Großen Freien".

 

Historische Postkarte vom Bahnhof Lehrte
Historische Postkarte vom Bahnhof Lehrte


Um den neuen Bahnhof herum bildete sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eine neue Stadt und es siedelten sich viele Betriebe, wie z.B. aus der Zement-, Chemie- oder Kali-Industrie an, die für einen zusätzlichen Arbeitskräftebedarf sorgten. Zwischen altem Dorf und neuer Stadt herrschte fortan jedoch ein sehr gespanntes Verhältnis, das sich bis heute erhalten hat. Zwar wurde u.a. mit städtebaulichen Maßnahmen wie dem Bau der großen Matthäuskirche versucht, Dorf und Stadt miteinander zu versöhnen, das gelang jedoch nie ganz. 

 

Die 1876 errichtete Matthäuskirche, die das alte Dorf mit der neuen Stadt Lehrte verbindet, wurde von den alteingesessenen Bewohnern des Dorfes lange Zeit gemieden.
Die 1876 errichtete Matthäuskirche, die das alte Dorf mit der neuen Stadt Lehrte verbindet, wurde von den alteingesessenen Bewohnern des Dorfes lange Zeit gemieden.

 

Das Selbstverständnis der Stadt Lehrte speist sich heute praktisch nur noch aus ihrer Historie als Eisenbahner- und Industriestadt. Die Geschichte und die Pflege der Traditionen aus der Zeit des "Großen Freien" überlässt man heute hingegen fast vollständig den Ortschaften der Nachbarstadt Sehnde.