12. Dezember  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 4

 

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland allmählich ein Netz von Eisenbahnstrecken entstand, wurde den Menschen immer deutlicher, dass eine neue Zeit angebrochen war. Gehörten Fernreisen bis dahin weitgehend zum Privileg des Adels, waren sie fortan auch für bürgerliche Bevölkerungsgruppen möglich. Für einen wirtschaftlichen Betrieb war es sogar zwingend erforderlich, dass viele Menschen sich Fahrten mit der Bahn leisten konnten. Damit wurde sie auch ein Symbol der damaligen nationalen Demokratiebewegung, die mit der Revolution von 1848/49 ihren Höhepunkt erreichte.

 

Die Lok "Ernst August" wurde von der hannoverschen Maschinenfabrik Egestorff (später Hanomag) gebaut und fuhr in den 1840er Jahren zwischen Hildesheim und Celle.
Die Lok "Ernst August" wurde von der hannoverschen Maschinenfabrik Egestorff (später Hanomag) gebaut und fuhr in den 1840er Jahren zwischen Hildesheim und Celle.

  

Mit dem Scheitern der Revolution und der Niederschlagung der demokratischen Freiheitsbewegung gewannen die konservativen Kräfte und die Militärs der Königshäuser wieder die Oberhand. Mit dieser Entwicklung geriet neben der wirtschaftlichen auch die militärisch-strategische Bedeutung der Eisenbahn in den Fokus, so war es für zukünftige Kriege von entscheidender Bedeutung, wie schnell die Heere ihr Einsatzgebiet erreichten. Dieser Umstand wurde schon 1866 beim Deutsch-Deutschen Krieg der Preußen gegen Österreich deutlich, bei dem das mit Österreich verbündete Königreich Hannover an Preußen fiel und damit auch der Bahnhof in Lehrte. 

 

Mit größter Priorität wurde sogleich von preußischer Seite die Bahnstrecke zwischen Lehrte und Berlin vorangetrieben um eine schnelle Verbindung zu den preußischen Provinzen im Westen zu schaffen, die bereits 1871 fertiggestellt wurde. Diese Strecke war sowohl wirtschaftlich sehr bedeutsam, als auch für den Personenverkehr sehr wichtig, so dass der Bahnverkehr in Lehrte sprunghaft anstieg. Der zentrale Bahnübergang, welcher das alte Dorf Lehrte mit dem Bahnhof verband, war praktisch rund um die Uhr geschlossen, so dass eine Bahnunterführung unerlässlich wurde.


Für Preußen hatte diese Bahnstrecke auch eine große militärische Bedeutung, denn sie führte nah an die Grenze zum benachbarten Frankreich, das mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zum Erzfeind des 1871 gegründeten deutschen Kaiserreichs wurde.

 

Streckennetz der Eisenbahn im Königreich Hannover
Streckennetz der Eisenbahn im Königreich Hannover


Mit der Reichsgründung blühte die junge Eisenbahnerstadt Lehrte förmlich auf und zahlreiche Gebäude wurden in den 1870er und 80er Jahren erbaut, die noch heute an diese Gründerzeit erinnern und zumeist den patriotischen Geist des neuen Deutschen Kaiserreichs wieder spiegeln.

 

Lehrte entwickelte sich in den kommenden Jahren zum Magneten für moderne Industriezweige, so gründete der Preuße Hermann Manske 1882 die Zementfabrik Germania, dessen Unternehmen zum führenden deutschen Zementhersteller wurde. Neben der chemischen Industrie und dem Kalibergbau siedelte sich u.a. auch die Landwirtschaftsindustrie an, 1854 war bereits die erste Kunstdüngerfabrik Europas entstanden und 1883 begann die Zuckerfabrik Lehrte ihre Produktion, außerdem wurde Lehrte zum größten Viehumschlagplatz. Der Güterbahnhof in Lehrte wurde zu einem der wichtigsten in Norddeutschland und konnte seine Bedeutung bis heute weitestgehend bewahren.

 

1907 gründete Manske neben der Zementfabrik Germania in Lehrte auch die Zementfabrik Alemannia im benachbarten Höver. Das Bild entstand ca. drei Jahre später.
1907 gründete Manske neben der Zementfabrik Germania in Lehrte auch die Zementfabrik Alemannia im benachbarten Höver. Das Bild entstand ca. drei Jahre später.
Kaliwerk bei Lehrte
Kaliwerk bei Lehrte
Die Viehverkaufshalle musste später dem Ausbau der Zuckerfabrik weichen. Heute steht an dieser Stelle ein Baumarkt. Der angrenzende Wasserturm links im Bild blieb erhalten und ist heute ein Wahrzeichen Lehrtes.
Die Viehverkaufshalle musste später dem Ausbau der Zuckerfabrik weichen. Heute steht an dieser Stelle ein Baumarkt. Der angrenzende Wasserturm links im Bild blieb erhalten und ist heute ein Wahrzeichen Lehrtes.

 

Erst mit dem Bau weiterer Bahnstrecken durch Hannover sowie des 1879 fertiggestellten neuen Hauptbahnhofs in Hannover begann die Bedeutung des Standorts Lehrte wieder abzunehmen. Den größten Einschnitt brachten die massive Zerstörung von Bahnanlagen während des 2. Weltkriegs sowie die Abnahme des Personen- und Güterverkehrs Richtung Berlin im Zuge der deutschen Teilung.

 

Das Bild aus den 1950er Jahren zeigt den nördlichen Teil der Bahnkreuzung Lehrte mit Blickrichtung nach Norden. Im Gleisdreieck befindet sich das Bahnbetriebswerk, das später abgerissen wurde.
Das Bild aus den 1950er Jahren zeigt den nördlichen Teil der Bahnkreuzung Lehrte mit Blickrichtung nach Norden. Im Gleisdreieck befindet sich das Bahnbetriebswerk, das später abgerissen wurde.