19. Dezember  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 5

 

Im Oktober fiel uns eine Gruppe junger, ausländischer Männer auf dem Gelände des Lehrter Bahnhofs auf, die scheinbar etwas suchten. Es sah zunächst so aus, als ob sie in dem angrenzenden Grünstreifen etwas verloren hätten. Doch dann wurde uns klar, was sie suchten und auch fanden, denn es waren die reifen Hagebutten, die dort überall an den Büschen hingen.

Der Anblick war ungewöhnlich, zwar sieht man heutzutage hin und wieder noch Menschen wild wachsende Äpfel pflücken oder bei der Ernte liegengebliebene Kartoffeln einsammeln, doch wirklich nötig hat das heute kaum noch jemand. Obst und Gemüse wird in den Supermärkten massenweise zu Billigstpreisen angeboten und scheint keinen nennenswerten Wert mehr zu besitzen. 

 

Die jungen Männer waren höchstwahrscheinlich Flüchtlinge und im Nachhinein schlich sich bei dem Gedanken an diese Szene ein beschämendes Gefühl ein. Hunger und Leid waren bisher immer weit weg, waren im Fernsehen quasi per Knopfdruck zu beseitigen und an die paar Obdachlosen zwischen Hauptbahnhof und Kröpcke in Hannover hat man sich schon von klein auf gewöhnt. Nun steht das Leid aus den weltweiten Kriegs- und Krisengebieten jedoch hier bei uns vor der Haustür, mitten in der Provinz.

 

Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: Süddeutsche Zeitung
Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: Süddeutsche Zeitung

 
In den ersten Jahren nach dem Ende des 2. Weltkriegs gehörte es auch in Lehrte zum alltäglichen Stadtbild, dass die Menschen alles was die Natur an Essbarem hergab ernteten. Lehrte war das Ziel oder der Zwischenhalt vieler Züge aus den ostdeutschen Gebieten, mit tausenden von Menschen, die alles verloren hatten und hier notgedrungen eine neue Heimat finden sollten.

 

Die Ortschaften im "Großen Freien" waren von Bomben weitestgehend verschont geblieben, in Lehrte und Sehnde gab es Dank der Bahnhöfe zahlreiche Industriebetriebe mit großem Arbeitskräftebedarf und auch durch die damals noch intakten kleinbäuerlichen Strukturen konnte eine große Menge an Menschen versorgt und in Arbeit und Lohn gebracht werden.

 

Willkommen waren die Neuankömmlinge damals genauso wenig, besonders auf den Dörfern waren sie lange Zeit eher Menschen zweiter Klasse, da konnte ihr "Gut" in Ostpreußen noch so groß gewesen sein. Doch schließlich waren es Landes- und Kulturgenossen, so dass die Integration früher oder später gelang.

 

  

Die Situation in der Gegenwart steht natürlich unter anderen Vorzeichen, besonders was die Unterschiede der Kulturen angeht. Sinnvoll wäre angesichts der globalen Probleme sicherlich, nicht auf das Trennende in den Kulturen, sondern auf Gemeinsamkeiten zu blicken. In der Praxis dürfte sich das aber leider als schwieriger erweisen, als es in der Nachkriegszeit war.

 

Genau wie 1945 war der Bahnhof in Lehrte übrigens auch im Jahr 2015 Zwischen- und Endstation vieler Flüchtlingszüge. Von hier wurden die Flüchtlinge, die zumeist in Bayern eingereist waren, auf ganz Norddeutschland verteilt. Lehrte erwies sich dabei, wegen seiner begrenzten Platzverhältnisse im Stadtzentrum, jedoch nicht als besonders geeigneter Verteilerbahnhof.

 

Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: HAZ
Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: HAZ