Besuch bei "SAATGUT - Wer die Saat hat, hat das Sagen"- Autorin Anja Banzhaf in Göttingen

 

Im Frühjahr erschien das Buch "SAATGUT - Wer die Saat hat, hat das Sagen" von Anja Banzhaf, Gärtnerin und Saatgutaktivistin aus Göttingen. Die sehr interessante und kurzweilige Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches möchten wir allen Saatgut-Interessierten wärmstens empfehlen. Außergewöhnlich ist das Buch auch deshalb, weil es in Deutschland seit den 1930er Jahren kaum noch Bücher zu diesem Thema gegeben hat, die für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt waren.

 

Saatgutvermehrung und Pflanzenzüchtung sind seit dieser Zeit zu einem wissenschaftlichen Spezialgebiet des modernen Agrarwesens geworden. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden Erfahrungen, die über Jahrhunderte von einer Generation zur nächsten weitergereicht wurden, zum Geheimwissen großer Konzerne.

 

Banzhaf beschreibt anhand vieler Beispiele und Geschichten, wie die Agrar-industrie die Kontrolle über unser Saatgut gewinnt, globale Märkte erschließt und Bauern weltweit in die Abhängigkeit treibt. Doch in zahlreichen Ländern existieren noch traditionelle, funktionierende Saatgutsysteme und viele Bauern kämpfen für die Erhaltung ihrer bewährten und nachhaltigen Landwirtschaft. Aber auch in den Industrieländern werden sich viele Menschen wieder über den kulturellen und biologischen Wert von Saatgut, Sortenvielfalt und Ernährungs-souveränität bewusst.

 

 

Anfang Mai lernten wir die gebürtige Ulmerin Anja Banzhaf in Göttingen kennen und waren neugierig mehr über sie und ihr Buch zu erfahren:

  

Anja, wann bist Du auf das Thema Saatgut gestoßen?

Das war gegen Ende meines Geografie-Studiums 2010. Obwohl ich auch die Themen Botanik und Ressourcenökonomie vertieft hatte, geriet ich allerdings nicht durch das Studium an dieses Thema. In Göttingen war ich in einer Gruppe aktiv, die sich mit landwirtschaftlichen Themen auseinandersetzte. Hierbei wurde uns klar, wie wichtig das Thema Saatgut ist. Wir begannen, Informationsveranstaltungen zu organisieren und gründeten einen Gemeinschaftsgarten, in dem wir Techniken des Samenbaus erlernen und weitergeben wollten. 

 

Hattest Du vor dem Studium schon etwas mit Saatgut zu tun oder bist Du auf einem Hof aufgewachsen?

Nein, aber ich hatte schon immer Spaß am Gärtnern, meine Eltern haben einen großen Garten. Allerdings erinnere ich mich nicht daran, dass wir unser Saatgut damals selbst vermehrten. Wahrscheinlich haben meine Eltern es, wie die meisten Menschen, irgendwo in einem Laden oder im nächsten Baumarkt gekauft.  

 

Was fasziniert Dich an Saatgut?

Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung. Obwohl wir in unserem modernen Alltag kaum bewusst damit in Berührung kommen, haben wir jeden Tag mit Saatgut zu tun – ob wir wollen oder nicht. Sehr reizvoll finde ich außerdem, dass Saatgut sowohl eine praktische aber auch eine gesellschaftliche und politische Komponente besitzt. Man hat sozusagen "die Hände im Dreck" und handelt damit aber auch gleichzeitig in politischer Weise. Oder andersherum: Man kann sich über den globalisierten Saatgutmarkt den Kopf zerbrechen und gleichzeitig ganz konkret vor Ort Widerstand leisten, in dem man selbst Saatgut produziert und verschenkt. Und dabei ist Samengärtnern auch noch etwas total sinnliches und wunderschönes. 

 

Wann bist Du auf die Idee gekommen, ein Buch über Saatgut zu schreiben?

Das war im Sommer 2013, ich saß in einem Zug in Frankreich und wollte einen Artikel über Saatgut in urbanen Gärten schreiben, dabei hatte ich so viele Ideen und Themen im Kopf. Irgendwann kam mir der Gedanke, ich könnte auch ein ganzes Buch damit füllen. Diese Idee ließ mich dann nicht mehr los, sie fühlte sich so gut und richtig an, dass ich beschloss sie in die Tat umzusetzen. 

 

Woran arbeitest Du zur Zeit und wie sehen Deine beruflichen Ziele aus?

Im Moment bin ich noch viel unterwegs wegen des Buchs, das Interesse daran ist doch recht groß. Aber auch sonst gibt es in vielerlei Hinsicht einiges zu tun. Konkrete Pläne habe ich zur Zeit nicht, ich könnte mir aber gut vorstellen nach der vielen Schreibarbeit wieder etwas praktischer Natur zu tun, wie z.B. als Gärtnerin arbeiten.  

 

In Deinem Buch werden unterschiedliche Agrar- und Saatgutsysteme in verschiedenen Ländern beschrieben. Wie wird sich Deiner Meinung nach unser Saatgutsystem in Deutschland in den nächsten 20 Jahren verändern?

In Deutschland ist der Grad der landwirtschaftlichen Industrialisierung extrem hoch und unser Saatgutsystem hat sich diesen Strukturen sehr angepasst. Daran wird sich in naher Zukunft sicher nichts ändern, zumal die Agrarlobby wirtschaftlich und politisch sehr mächtig ist. Zwanzig Jahre sind im Hinblick auf Pflanzenzüchtung und Saatgutentwicklung keine lange Zeit, bis sich hier hoffentlich ein neues Denken hin zu nachhaltigeren Strukturen durchsetzt, wird es länger dauern. Wobei natürlich jeder kleine Schritt hin zum Samengärtnern und jeder kleine Garten zu mehr Unabhängigkeit führt und daher wichtig ist. 

 

Und in 100 Jahren?

Da habe ich sowohl positive als auch negative Stimmen in mir. Langfristig, vermute ich, wird sich die aktuelle Landwirtschaft durch ihre Einheitlichkeit selbst erodieren. Ich hoffe, dass eine Veränderung nicht zwangsweise durch globale Katastrophen herbei geführt wird. Wenn die Menschen Saatgut wieder zu ihrer Sache machen, könnte sich aber schon vorher etwas ändern. Die Voraussetzungen dafür müssen gesellschaftlich aber sowohl von unten in den Gärten, Feldern und in den Köpfen der Menschen als auch von oben in der Politik geschaffen werden. 

 

In Deutschland gibt es sehr viele kleinere Initiativen, die sich mit Saatgut beschäftigen. Anders als zum Beispiel in Österreich, wo es mit der Arche Noah eine große Organisation gibt. Was ist besser?

Um politisch wirksam zu werden ist ein großer Verein wie die Arche Noah sicher von Vorteil, das sieht man z.B. wenn es um die Verhinderung neuer Saatgutgesetze geht oder den Protest gegen Patente auf Pflanzen. Die kleinen Vereine und Initiativen sind aber genau so wichtig, weil sie auf regionale Gegebenheiten gezielter eingehen können auch in Hinsicht auf die Kulturpflanzenvielfalt. 

 

Vermehrst Du auch privat Saatgut oder hast Du eine Lieblingssorte z.B. von einer historischen Gemüsesorte?

Nicht von einer historischen Sorte, aber ich vermehre seit einigen Jahren Saatgut von einer Tomate, die meine Mutter im Supermarkt gekauft hatte, besonders schmackhaft fand und daher das Saatgut einiger Früchte genommen hatte. Höchstwahrscheinlich war das eine Hybride. Aber im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung kann man Hybriden für den Eigenbedarf durchaus nachbauen. Gerade bei Tomaten als Selbstbefruchtern geht das relativ problemlos, da deren Nachkommen oft nicht so unterschiedliche Merkmale aufweisen wie bei Fremdbefruchtern. Meine Tomate ist bisher noch nicht wieder komplett stabil, aber das wird sich vielleicht noch ändern. Einen Namen habe ich aber schon, ich habe sie nach meiner Mutter Heike benannt.