Fr

22

Sep

2017

Geschichte des Sortenwesens (Teil 4): Zeit des Nationalsozialismus

 

Schon zu Beginn des 3. Reichs wurde der Pflanzenzüchtung und der staatlichen Regulierung des Sortenwesens ein großer Stellenwert beigemessen, weil man sich davon eine Ertragssteigerung in der Landwirtschaft erhoffte. Die Maßnahmen waren Teil der Kriegsvorbereitung und sollten zu einer Autarkie Deutschlands in der Lebensmittelversorgung führen.

 

Bereits 1934 trat die erste deutsche Saatgutverordnung in Kraft und es wurden ertragreiche und robuste Nutzpflanzensorten in einer Reichssortenliste zusammen-gestellt. Alle nicht aufgeführten Sorten durften von den Landwirten fortan nicht mehr angebaut werden. Diese sogenannte Sortenbereinigung sollte dem „Sortenwirrwarr“ vergangener Zeiten ein Ende setzen, führte jedoch auch zu einem Verschwinden zahlreicher Landsorten mit überwiegend regionaler Bedeutung.

 

Sa

02

Sep

2017

Geschichte des Sortenwesens (Teil 3): Kaiserzeit und Weimarer Republik

 

Die moderne Pflanzenzüchtung in Deutschland geht auf den Genetiker Erwin Baur zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts begann, Erkenntnisse aus der Vererbungs-lehre systematisch für landwirtschaftliche Zwecke zu nutzen.

 

Bereits 1917 beantragte Baur bei der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (später: Max-Planck-Gesellschaft) die Einrichtung eines Instituts für Pflanzenzüchtung, welches 1928 unter dem Namen Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg bei Berlin gegründet wurde.

 

1929 wurde an diesem Institut der Entwurf eines ersten Saatgutgesetzes erarbeitet, der die Grundlage für die weitere Entwicklung des Sorten- und Saatgutwesens in Deutschland bildete.

 

Fr

14

Jul

2017

Geschichte des Sortenwesens (Teil 2): Saatgut im 19. Jahrhundert

 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Saatgut immer mehr zur Handelsware und die Saatgutbetriebe wurden zahlreicher und größer. Allerdings gab es auch zunehmend Probleme, weil das Saatgut von sehr unterschiedlicher Qualität war. Bei Missernten forderten viele Landwirte Schadensersatz bei den Saatguthändlern.

 

Die Pflanzenzüchter hingegen fühlten sich betrogen, weil ihre kosten- und zeitaufwendige Arbeit nicht ausreichend vergütet wurde und ihre Neuzüchtungen von jedermann beliebig vermehrt oder verkauft werden konnten.

 

Gegen Ende des Jahrhunderts wurden die Stimmen lauter, die eine gesetzliche Regelung des Handels mit Saatgut und einer staatlichen Überwachung der Saatgutqualität forderten.

 

Sa

01

Jul

2017

Geschichte des Sortenwesens (Teil 1): Saatgut vor dem 19. Jahrhundert

 

Bis ins 19. Jahrhundert hinein betrieben Landwirte und Gärtner die Saatgut-gewinnung und damit auch die Pflanzenzüchtung weitestgehend selbst. Saatguthandel fand nur in sehr begrenztem Umfang statt, in der Regel wurde das Saatgut getauscht und das Wissen um die einzelnen Sorten mündlich weitergegeben.

 

Im Zuge der Industrialisierung und dem Prinzip der Arbeitsteilung entwickelten sich Pflanzenzucht und Saatgutgewinnung zu Spezialgebieten der Landwirtschaft. Das produzierte Saatgut musste jedoch wieder zu den Landwirten und Gärtnern gelangen, so dass sich zeitgleich auch der Vertrieb und der Handel mit Saatgut zu einem lukrativen Geschäftsfeld bildete.

 

So

05

Mär

2017

Ausstellung: "Verbotenes Gemüse: Historische & Regionale Gemüsesorten"

Dauer der Ausstellung: 6. März  bis 20. April 2017

Ort: Foyer im Erdgeschoss der Stadtbibliothek Hannover, Hildesheimer Str. 12

 

Öffnungszeiten:

Mo-Fr: 11-19 Uhr

Sa: 11-16 Uhr

 

Sa

18

Feb

2017

Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt durch Saatgut-Initiativen

Saatgutkampagne „Freiheit für die Vielfalt“

 

„Freiheit für die Vielfalt“ ist eine von österreichischen Initiativen ins Leben gerufene Saatgutkampagne, die sich gegen den Entwurf einer neuen europäischen Saatgutverordnung richtet.

 

Kritisiert wird u.a., dass die neue Verordnung große Saatgutkonzerne wie Bayer oder Monsanto bevorteilen und den Saatguthandel mit alten und lokalen Nutzpflanzen-sorten sehr erschweren würde. Die Folge wäre ein weiterer Verlust regionaler Landsorten sowie der biologischen Vielfalt insgesamt.

 

Allein in Deutschland und Österreich wurden über 700.000 Protestunterschriften gegen die Verordnung gesammelt. Daraufhin wurde der Gesetz-Entwurf 2015 vom europäischen Parlament abgelehnt. Seitdem arbeitet die EU-Kommission an einem neuen Entwurf.

 

So

29

Jan

2017

Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt durch Saatgut-Initiativen

(in-situ- oder on-farm-Erhaltung)

 

Seit den 1980er Jahren arbeiten dem Verlust an Pflanzen-genetischen Ressourcen auch Saatgut-Initiativen entgegen, die versuchen, das Spektrum der angebauten Arten und genetisch unterschiedlicher Sorten zu erhalten, sie evtl. züchterisch weiterzuentwickeln und in die Nutzung zu führen.

 

Die Arbeit der Saatgut-Initiativen besteht im Wesentlichen darin, alte und selten gewordene Nutzpflanzen zu finden, zu vermehren, weiterzuentwickeln oder Patenschaften für derartige Sorten zu vergeben. Diese auch „on‐farm‐Erhaltung“ genannte Methode führt durch die intensive Beschäftigung mit einzelnen Nutzpflanzensorten dazu, dass ein Bezug zwischen Standort und Anbauform hergestellt wird.

 

Durch die on-farm-Erhaltung wird eine dauerhafte Anpassung an die regionalen, z.T. in Veränderung befindlichen Umweltbedingungen und an Bewirtschaftungs- oder Nutzungsformen der Kultursorten gewährleistet.

 

Besonders in Zeiten des Klimawandels könnten die alten Sorten für die zukünftige Landwirtschaft und Züchtung wieder von großem Nutzen sein. Mit ihrem breiten Genpool werden sie sich an Wetterextreme wie Hitze- und Dürreperioden, Stürme oder Überschwemmungen sehr wahrscheinlich besser anpassen können, als die wenigen gängigen Hochertragssorten.

 

Sa

14

Jan

2017

Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt durch Genbanken

 

Um gefährdete Nutzpflanzen‐Sorten mindestens in kleinen Beständen erhalten zu können, musste rechtzeitig gehandelt werden. Es waren Pflanzenzüchter, die bereits vor 100 Jahren auf die Gefahren des Sortenverlustes aufmerksam machten und die Einrichtung von Genbanken forderten, um Kulturpflanzen und verwandte Wildarten vor dem Aussterben zu bewahren.

 

Die größte Saat-Genbank Europas befindet sich in Gatersleben nördlich des Harzes. Dort werden rund 150.000 Proben aufbewahrt und regelmäßig ausgebracht, um die Keimfähigkeit der Samen zu erhalten. 

 

Ca. 150.000 Saatgutmuster lagern in Europas größter Genbank für Saatgut in Gatersleben bei Quedlinburg.
Ca. 150.000 Saatgutmuster lagern in Europas größter Genbank für Saatgut in Gatersleben bei Quedlinburg.
Eingelagertes Saatgut in Weckgläsern.
Eingelagertes Saatgut in Weckgläsern.
In regelmäßigen Abständen werden Saatgutproben zum Keimen gebracht, um die vorhandene Keimfähigkeit zu prüfen.
In regelmäßigen Abständen werden Saatgutproben zum Keimen gebracht, um die vorhandene Keimfähigkeit zu prüfen.
Neben dem Saatgut werden auch getrocknete Referenzmuster eingelagert. Diese Flaschenkürbisse lagern bereits seit vielen Jahrzehnten in den Kühlräumen der Genbank.
Neben dem Saatgut werden auch getrocknete Referenzmuster eingelagert. Diese Flaschenkürbisse lagern bereits seit vielen Jahrzehnten in den Kühlräumen der Genbank.

Mo

26

Dez

2016

Verlust der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 4)

 

Sortenverlust durch Verbraucherverhalten

 

Ein weiterer Grund für die Einengung des Sortenspektrums liegt in den tiefgreifen-den sozialen Veränderungen unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Unsere Koch- und Essgewohnheiten haben sich infolgedessen sehr gewandelt.

 

Mit Fastfood und Fertiggerichten hat die Nahrungsmittelindustrie darauf reagiert. Neben dem Handel bestimmt sie heute weitgehend die Anforderungen an die landwirtschaftlichen Produkte - oft auf Kosten der Geschmacksqualität und sehr wahrscheinlich auch auf Kosten von Vitalität und Gesundheit. Das Angebot bei Obst und Gemüse ist auf wenige Sorten reduziert. Der Verbraucher scheint nur noch drei Kartoffel-„Sorten" zu kennen: mehlig, vorwiegend fest und fest kochend.

 

Dass es weltweit über 2.000 verschiedene Kartoffelsorten mit unterschiedlichsten Eigenschaften gibt – in Deutschland sind immerhin 160 davon für den Anbau amtlich registriert – merken die Verbraucher beim Einkaufen im Supermarkt kaum.

 

Das gilt für die anderen Gemüsearten natürlich ebenso. Nur wenige Pflanzen- und Haustierarten bilden die Grundlage unserer Ernährung: Zwölf Pflanzenarten und fünf domestizierte Landtierarten stellen heute 70 Prozent der gesamten Nahrungsmittel-versorgung bereit. 

 

Mi

14

Dez

2016

Verlust der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 3)

 

Homogenisierung durch Handel und Industrie

 

Handel und industrielle Standards wirken homogenisierend auf pflanzliche Produkte, die „krummen Dinger“ traditioneller Sorten fallen häufig aus dem Raster. Das Spektrum genutzter Kulturpflanzen hat sich deshalb stark verkleinert und das vermehrbare Saatgut droht vom Markt zu verschwinden.

 

Wie sehr sich das Sortenspektrum eingeengt hat, zeigt das Beispiel des Weizens:

Gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rund 1.000 Weizensorten in Deutschland, die an Klima und Boden angepasst waren, sind es am Ende nur noch 30 Sorten.

 

Heutzutage angebauter Hochleistungsweizen benötigt viel Wasser. Wegen der schwereren Ähren war es notwendig kürzere Stengel zu züchten; die Bodennähe fördert jedoch Pilzbefall, was zusätzlichen Chemieeinsatz erforderte. Traditionelle Sorten sind besser an lokale Bedingungen angepasst als hochgezüchtete und auf Grund der natürlichen Resistenzen oft toleranter gegenüber Krankheiten und Schädlingen.

 

So

04

Dez

2016

Verlust der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 2)

 

Saatzucht, Produktion und Handel wirken standardisierend

 

Die Zulassungs – und Sortenschutzkriterien der Homogenität und Beständigkeit fordern und fördern die Vereinheitlichung züchterischer Produkte. Die Diversität zu unterstützen war bislang kein gleichwertiges Ziel. Die meisten alten Sorten erfüllen die strenge Anforderung nach Homogenität nicht.

 

Einen Ausweg bietet die sogenannte Erhaltungssorten-Richtlinie, die aber nur den Handel von Kleinstmengen erlaubt und eine Anmeldung der nur lokal gehandelten Sorten lohnt oft nicht.

 

Auf dem Saatgutmarkt hat in den letzten 20 Jahren ein enormer Konzentrations-prozess stattgefunden. Weltweit beherrscht heute eine Handvoll von Firmen aus der Chemiebranche dieses Geschäft, deren Angebot auf eine industrialisierte, Chemie gestützte Landwirtschaft zugeschnitten ist.

 

Sa

26

Nov

2016

Verlust der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 1)

 

Verlust der Vielfalt – Bedeutung der Agrobiodiversität

 

Die Biodiversität ist heute nicht nur in Wildflora und ‐fauna gefährdet, sondern immer mehr auch bei der für unsere Ernährung direkt nutzbaren Vielfalt der landwirtschaftlichen Nutzformen. Durch die heute betriebene Hochzucht der Nutztiere und Kulturpflanzen hat die Vielfalt der Rassen und Sorten gelitten. Was den neuen Normen – beim Rind z.B. mehr Fleisch und Milch, beim Schwein mehr Schinken als Speck – nicht gerecht wurde, verlor an züchterischem Wert, wurde fallengelassen und verschwand. Manche Rassen sind bereits ausgestorben, von anderen finden sich nur noch wenige Exemplare.

 

Heute werden die Sorten nach Kriterien gezüchtet und selektiert, wie der gleichzeitigen Abreife der Pflanzen, Haltbarkeit der Früchte bei langen Transporten oder Uniformität für den Großhandel. Der Geschmack bleibt dabei oft auf der Strecke. Auch wenn viele der alten Sorten nach heutigen Maßstäben unbefriedigende Erträge bringen, besitzen sie Qualitäten wie hohe Fruchtbarkeit, Robustheit und Resistenzen gegen Kälte und Krankheiten, die in einem anderen wirtschaftlichen Umfeld von Bedeutung sein können.

 

Die traditionellen Sorten wurden in generationenlanger Zuchtarbeit sowohl an die Bedürfnisse der Menschen als auch an die besonderen Bedingungen ihrer Umwelt angepasst. Sie sind nicht nur genetisch interessant, sondern stellen auch ein wertvolles und erhaltenswertes Kulturgut dar.

 

Der Verlust von Agrobiodiversität ist ein schleichendes Problem: Ställe, Weiden und Felder sind in den letzten Jahrzehnten immer monotoner geworden. Im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert wurde der Fokus auf die Produktivität und Homogenität der modernen Sorten gelegt und die alten Landsorten verschwanden mehr und mehr.

 

In der industrialisierten Landwirtschaft ist der vor – und nachgelagerte Bereich der landwirtschaftlichen Produktion ökonomisch immer bedeutender geworden. Dies gilt auch für die Saatgutzüchtung, die von einer Gesetzgebung flankiert wird, welche die Ausbreitung der Hochleistungssorten fördert. Die staatlich definierten wertbestim-menden Eigenschaften sind nicht nur stark ertragsorientiert, sondern geben bestimmte eng gefasste Zuchtziele vor.

 

Sa

19

Nov

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 7):  20. Jahrhundert

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

20. Jahrhundert

 

In Folge der beiden Weltkriege und durch die Intensivierung der Landwirtschaft verändert sich das Kulturartenspektrum stark. Einige neue Nutzungstypen kommen hinzu: Die Zucchini setzt sich aus Italien kommend durch, ebenso der Brokkoli. Aus (Süd‐)Ostasien sind vor allem die Formen von Brassica rapa, wie z.B. Chinakohl, Japankohl und Pak Choi zu nennen.

 

Paprika und Auberginen bereichern das Gemüseangebot. Die Landwirtschaft wird zugunsten weniger dominanter Kulturarten umstrukturiert. Getreide wie Weizen, Gerste und Mais dominieren, Hafer und Roggen haben dagegen nur noch regionale Bedeutung.

 

Im erwerbsmäßigen Gemüseanbau geht die Tendenz in Richtung weniger Arten ‐ die für den intensiven und industriellen Gemüsebau angepassten Hybrid‐Sorten setzen sich zunehmend durch.

 

Sa

12

Nov

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 6):  19. Jahrhundert

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

19. Jahrhundert

 

Mit der industriellen Revolution setzt auch die professionelle Pflanzenzüchtung ein, sie bringt große Veränderungen im Bereich der Entwicklung neuer Kultursorten mit sich.

 

Die Tomate setzt sich ab 1860 als Nutzpflanze durch, die Spargelerbse kommt hinzu. Regional verdrängt wurden bereits Pastinake und Zuckerwurzel durch die Kartoffel und die Haferwurz durch die Schwarzwurzel. Faser- und Färbepflanzen verschwinden zunehmend aus dem Anbau und werden von künstlichen Farbstoffen und importierter Ware ersetzt.

 

Mit der Zuckerrübe entsteht durch Kreuzung von Zuckerwurzel und Rübe eine neue Kulturpflanze, welche die industrielle Zuckerherstellung in Deutschland ermöglicht. 

 

So

06

Nov

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 5):  17. und 18. Jahrhundert

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

17. und 18. Jahrhundert

 

Im 17. Jahrhundert finden sich in den Schriftquellen erste Darstellungen gelber und roter Karottensorten. Im 18. Jahrhundert wird die orange „Karotin-Karotte“ in den Niederlanden entwickelt und verbreitet sich schon bald in ganz Europa.

 

Feuerbohne, Schwarzwurzel und Feldsalat setzen sich als Gartenpflanzen durch. Ölraps kommt als neue Ackerkultur hinzu. Die Kartoffel erlangt den Durchbruch zur weit verbreiteten Ackerpflanze. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wird sie in vielen Gebieten zum Grundnahrungsmittel der rasch wachsenden und zunehmend verstädterten Bevölkerung.  

 

Fr

28

Okt

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 4):  Frühe Neuzeit

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

Frühe Neuzeit (ca. 1500 – 1600)

 

Mit der Entdeckung Amerikas kamen viele neue Kulturarten nach Europa, wie Tomate, Kartoffel, Mais, Gartenbohne, Kürbis oder Paprika, welche sich durch den einsetzenden regen Handel schnell verbreiteten. Sowohl die Tomate als auch die Kartoffel waren zunächst nur Kuriositäten in den Gärten und setzten sich erst später als Nahrungspflanzen durch.

 

Schriftliche Überlieferungen, die seit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts häufiger vorliegen, geben einen guten Einblick in die genutzten Kulturarten. Garten- und Kräuterbücher beschreiben „altbekannte“ und neue Gemüsearten wie Mangold, Weißrüben, Spinat, Spargel, Winterheckenzwiebel, Kopfsalat, Zuckerwurzel, Haferwurzel, Bleich‐ und Knollensellerie, Kichererbse, Radies.

 

Auch Gurken sind erst zu Beginn der Neuzeit, vermutlich durch Slawen, nach Mitteleuropa gekommen. Gartenmelde und Amarant waren zu dieser Zeit schon weitgehend durch den Spinat verdrängt worden.

 

Sa

22

Okt

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 3):  Mittelalter

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

Früh und Hochmittelalter (ca. 800 – 1300)

Über den Gartenbau im frühen Mittelalter berichten u.a. die Hofgüterordnung von Karl dem Großen aus dem Jahre 812 sowie einige kirchliche Aufzeichnungen. Demzufolge waren zu dieser Zeit Kulturarten bekannt wie Kohl, Karotten, Pastinaken, Kohlrabi, Zwiebel, Knoblauch, Lauch, Rettich, Salat, Endivie, Melonen oder Augenbohne. Genannt werden auch Kräuter wie Schnittlauch, Petersilie, Kerbel, Bohnenkraut, Dill, Kümmel, Koriander, Thymian, Minze, Fenchel, Kresse, Senf und Anis. Roggen wird im Mittelalter zu einer Hauptgetreideart, Krapp wird als Färbepflanze eingeführt, seltener werden bereits auch Spinat und Spargel kultiviert.

 

Spätmittelalter (ca. 1300 – 1500)

In dieser Zeit gehörte die Speiserübe zu den wichtigsten Nahrungsmitteln, bis sie später von der Kartoffel verdrängt wurde. Außerdem kommen Buchweizen und Gemüseampfer als neue Kulturarten hinzu.

 

Sa

08

Okt

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 2):  Antike und Völkerwanderung

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

Römische Kaiserzeit (ca. 0 – 400 n. Chr.)

Die Römer brachten eine große Anzahl von neuen Gartenpflanzen nach Mitteleuropa: Amarant, Mangold und Rote Rübe, Portulak, Gartenmelde, (Blatt-)Sellerie,

Römischer Sauerampfer, Melone. Des Weiteren wurden Färbepflanzen (Farber‐Resede) und schließlich der Saathafer eingeführt.

 

Völkerwanderung (ca. 400 – 600 n. Chr.)

Aus dieser unruhigen Zeit existieren nur wenige archäologische Funde. Ebenso wenig gibt es schriftliche Aufzeichnungen, die Auskünfte über die Veränderungen im Kulturartenspektrum geben.

 

Sa

01

Okt

2016

Geschichte der Kulturpflanzenvielfalt (Teil 1): Vor- und Frühgeschichte

(mit freundlicher Genehmigung von ProSpecieRara)

 

Jungsteinzeit (ca. 4500 bis 1800 v. Chr.)

In Mitteleuropa gehörten Emmer, Einkorn und Gerste zu den wichtigsten Getreidearten, seltener wurden Nacktweizen und Rispenhirse kultiviert. Als Eiweißlieferanten standen Erbse und Linse zu Verfügung, unter den Ölfrüchten wurde Lein, vereinzelt Schlafmohn kultiviert. Rübsen und Leindotter wurden aus Wildsammlung genutzt.

 

Bronzezeit (ca. 1800 – 800 v. Chr.)

In der Bronzezeit kamen Ackerbohne und Dinkel als neue Kulturpflanzen hinzu. Roggen und Hafer (Flug- und Saathafer) wurden als Unkraut eingeschleppt und entwickelten sich in weiterer Folge zur Kulturpflanze. 

 

Eisenzeit (ca. 800 v. Chr. – 0)

Seit der vorrömischen Eisenzeit sind Hanf, Färberwaid und Leindotter in Kultur bekannt. 

    

Sa

24

Sep

2016

24. September  -  Spanische Tomaten

 

Allmählich geht die Erntezeit des „Roten Heinz“ zu Ende. In ein paar Wochen werden wir uns wieder mit Supermarkttomaten begnügen müssen, die im Winter fast ausschließlich aus Spanien stammen. Der Gemüseanbau in einer der niederschlags-ärmsten Region Europas wird aus ökologischer Sicht zunehmend zum Problem.

 

Etwa 70% der Landfläche Spaniens ist aufgrund des Wassermangels heute mehr oder weniger akut davon bedroht, sich in Wüstenlandschaft zu verwandeln. Für die besonders intensiv genutzten Küstenregionen müssen für die Pflanzenbewässerung und den Massentourismus gigantische Mengen an Trinkwasser aus dem Inland abgeleitet werden, welches wiederum der dort ansässigen Landwirtschaft und Bevölkerung fehlt.  

    

Die südspanische Provinz Almeria, aus der die meisten Supermarkttomaten kommen, ist großflächig von Folien- und Gewächshäusern bedeckt.
Die südspanische Provinz Almeria, aus der die meisten Supermarkttomaten kommen, ist großflächig von Folien- und Gewächshäusern bedeckt.

 

Für ein Kilogramm Tomaten werden über 180 Liter Trinkwasser verbraucht, was bei 160.000 Tonnen Tomaten, die jährlich von Spanien nach Deutschland geliefert werden, einen Wassertransfer von fast 30 Milliarden Litern von einem extrem wasserarmen zu einem sehr wasserreichen Land bedeutet.

 

In naher Zukunft wird sich an diesen Verhältnissen leider wenig ändern, denn die Landwirtschaft und der Tourismus sind für das finanziell stark angeschlagene Spanien zwei unentbehrliche Wirtschaftszweige. Die Verwüstung einer Landfläche ist

fatalerweise ein sehr nachhaltiger Vorgang und praktisch nicht rückgängig zu

machen. Am Ende dieser rasch fortschreitenden Entwicklung wird vermutlich ein Land stehen, das in weiten Teilen weder nutz- noch bewohnbar sein wird. Fragt sich nur, wo die 46 Millionen Spanier dann bleiben werden?    

 

So

18

Sep

2016

18. September  -  Saatgut von Tomaten ernten

 

Alte Gemüsesorten sind samenfest, aus den Früchten kann also Saatgut zur Weitervermehrung gewonnen werden. Das ist nicht schwer und es erübrigt sich damit ein teurer Neuerwerb im nächsten Jahr. Wenn man so über mehrere Jahre die Nachkommen einer Sorte erhält, hat das den positiven Effekt, dass die Pflanzen sich an die Umgebung und den Boden gewöhnen und sich mit der Zeit immer heimischer fühlen.

 

Idealerweise erfolgt die Saatguternte von den gesundesten und am besten gewachsenen Pflanzen, damit diese positiven Eigenschaften an die nächste Generation weitergegeben werden können. Es sollten außerdem Tomaten dafür verwendet werden, die möglichst früh reif waren, wenn man im nächsten Jahr wieder früh ernten will.

 

Eine Tomate reicht dabei locker, um die ganze Nachbarschaft im nächsten Jahr mit Saatgut zu versorgen. Man schneidet die Tomate auf und schabt die Saatkörner mit einem kleinen Löffel heraus. Jedes einzelne Korn ist von einer gallertartigen, glitschigen Schicht umgeben, diese verhindert ein vorzeitiges Keimen in der Frucht. Um diese zu entfernen, eignet sich ein einfaches Gärungsverfahren in einem Glas. Man gibt ein wenig Wasser zu den Saatkörnern und eine Messerspitze Zucker und stellt das Glas zwei bis drei Tage an einen warmen Ort. Auf der Oberfläche kann sich dabei eine dünne Hefeschicht bilden, was nicht weiter schlimm ist.

    

 

Sobald sich die Keimschutzschicht abgebaut hat, was man mit einer Fingerprobe feststellen kann, füllt man kaltes Wasser hinzu, lässt die Körner zu Boden sinken und gießt das trübe Wasser ab. Diesen Vorgang wiederholt man solange, bis das Wasser klar bleibt. Danach muss das Saatgut schnell getrocknet werden, z.B.  auf einem Kaffeefilter, den man auf eine warme Fensterbank legt. 

   

So

04

Sep

2016

4. September  -  Die Tomatina in Spanien

 

Letzte Woche fand in der kleinen südspanischen Stadt Bunol die Tomatina statt, eine Art Volksfest, bei dem sich tausende von Menschen zu einer gigantischen Tomatenschlacht zusammenfinden. Die Tomatina findet einmal jährlich am letzten Mittwoch im August statt, um Punkt 11 Uhr Vormittags werden für die Dauer von einer Stunde tonnenweise überreife Tomaten aus der Region Valencia zur Verfügung gestellt.

 

Seit 2013 wird die Teilnehmerzahl zu diesem sinnfreien Spektakel auf 20.000 begrenzt, nachdem in den Jahren zuvor die 10.000-Einwohner-Stadt mit einem Besucheransturm von bis zu 40.000 Menschen jedes Mal im Chaos und in Tomatensoße zu versinken drohte.

   

  

Ihren Ursprung hatte die Tomatina in den 1940er Jahren, als sich ein paar Einwohner der Stadt wegen eines harmlosen Streits mit Tomaten beschmissen, über die Hintergründe dieser Ur-Tomatina gibt es jedoch keine genauen Überlieferungen mehr und es kursieren verschiedene Theorien darüber. Als sich in den darauf folgenden Jahren daraus ein alljährliches Ritual mit immer mehr Beteiligten entwickelte, gelangte der Spaß besonders bei den Hausbesitzern und der Stadtverwaltung an seine Grenzen.

 

Anfangs versuchte man es mit einem relativ erfolglosen Verbot, was dem zunehmenden Interesse aber keine Abhilfe verschaffte, so dass die Stadtverwaltung schließlich kapitulierte und 1959 das Verbot wieder aufhob. Im Laufe der Jahre wurden neben dem Spaß der Beteiligten auch die Vorteile für die bis dahin völlig unbekannte Kleinstadt Bunol deutlich, dessen Name allmählich in ganz Spanien bekannt wurde und zunehmend Touristen aus aller Welt anlockte. Heute gibt es weltweit wohl nur noch wenige Nachrichtensender, die am letzten Mittwoch im August nicht von der Tomatina aus Bunol berichten. 

  

Mi

24

Aug

2016

24. August  -  Tomatenernte Roter Heinz

 

Seit einigen Wochen lässt sich der "Rote Heinz" reichlich ernten. In unserem Gewächshaus aber auch im Garten reiften die ersten Früchte bereits ab Mitte Juli und gehörten damit zu den frühesten Tomatensorten. Geschmacklich mag die hannoversche Sorte den einen oder anderen vielleicht etwas enttäuschen, da sie nicht zu den Tomaten mit einem besonders ausgeprägten Aroma gehört. Die Stärken des "Roten Heinz" liegen eher beim Ertrag, der Erntedauer und der Robustheit und genau das waren die Eigenschaften, die in der Nachkriegszeit gefragt waren. 

 

Während heutzutage Tomaten aus dem eigenen Garten bald nach der Ernte verzehrt werden, kochte man damals einen Großteil der Früchte ein, um sie im Winter für Suppen und Soßen verwenden zu können. Gemüse aus dem eigenen Garten ist heute eher eine willkommene und gesunde Abwechslung zum monotonen Supermarktangebot. Damals war eine reiche Ernte und die anschließende Konservierung sehr wichtig, denn niemand wusste, wie hart der nächste Winter werden würde.

  

"Roter Heinz"
"Roter Heinz"

 

Für die Menschen in der Nachkriegszeit waren die ersten reifen Früchte des "Roten Heinz" trotzdem ein hoher Genuss auf den man lange hatte warten müssen, denn das Frühjahr, als die meisten Wintervorräte verbraucht waren, war eine lange entbehrungsreiche Zeit. Ein Mann aus dem hannoverschen Stadtteil Kirchrode berichtete uns, dass seine Eltern den "Roten Heinz" seit Anfang der 1940er anbauten und er hatte den Geschmack dieser Sorte sehr angenehm in Erinnerung.

 

So

14

Aug

2016

14. August  -  Tomatengeschichte - Teil 3

 

Es dauerte einige Jahre, bis sich in Europa die Aufregung über die Entdeckung des Paradieses in der neuen Welt gelegt hatte. In den Fürstenhäusern wurden die Mitbringsel der Seefahrer herumgereicht und bestaunt, dazu gehörten auch die neuen seltsamen Tomatengewächse. Bald durften sie in keinem adligen Gewächs-haus mehr fehlen, wenn auch nur als Zierpflanze.

 

Auch die Botaniker fingen an sich mit der Tomate zu beschäftigen und fanden in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zahlreiche neue Bezeichnungen für die Pflanze, wie peruanischer Apfel, Wolfspfirsich oder Liebesapfel. Genauso vielfältig waren die Zuordnungen zu den damals bekannten Pflanzengattungen, schließlich gab es zu dieser Zeit noch kein einheitliches Klassifizierungssystem für Pflanzen und Tierarten, welches erst im 18. Jahrhundert durch den Schweden Carl von Linné eingeführt wurde. Zumindest war man sich einig, dass es ein Nachtschattengewächs war. 

 

Stillleben von Vincent van Gogh mit Makrelen, Zitronen und Tomaten aus dem Jahr 1886
Stillleben von Vincent van Gogh mit Makrelen, Zitronen und Tomaten aus dem Jahr 1886

 

Erste Hinweise auf die Nutzung von Tomaten als Nahrungsmittel finden sich in Kochbüchern des späten 16. Jahrhunderts. Es waren die Italiener, die sich als erstes trauten, Tomaten zu essen und sie fanden schnell vielfältige Verwendungs-möglichkeiten in ihrer mediterranen Küche. Aber auch in England gehörten Tomaten immerhin schon um das Jahr 1800 zum allgemeinen Küchenrepertoire. In Deutschland dauerte es noch etwa hundert Jahre bis Tomaten, ausgehend von den Wiener Märkten, sich ganz langsam in Richtung Norden verbreiteten. 

 

So

31

Jul

2016

31. Juli  -  Tomatengeschichte - Teil 2

 

Als die Spanier wahrscheinlich schon auf der ersten oder zweiten Kolumbusreise die Tomate entdeckten, erweckte dieses fremdartige Gewächs bei ihnen tiefstes Misstrauen. Ohne Zweifel musste es sich hierbei um ein Nachtschattengewächs handeln, was sie richtig erkannten.

 

In Europa waren Nachtschattengewächse wie Alraunen oder Tollkirschen bekannt und diese waren nicht nur giftig, sondern galten schlechthin als Inbegriff des Bösen. Wer solche Pflanzen in seinem Garten hatte, konnte auch schon mal auf dem Scheiterhaufen landen, der im Laufe des 16. Jahrhunderts wieder sehr in Mode kam, obwohl in dieser Zeit das Mittelalter eigentlich vorbei war.

 

In ihrem Misstrauen bestätigt fühlten sich die Spanier, als sie sahen, welch niederträchtigen Dinge die Ureinwohner Amerikas mit den Früchten dieser Pflanze trieben. Bei Gesichtserkrankungen z.B. trugen sich die Azteken Gesichtsmasken aus Eidechsenkot, Ruß und Tomatensaft auf. Und nicht nur das, sie opferten sogar Menschen und verarbeiteten das Fleisch zusammen mit Chili und Tomaten zu deftigen Eintöpfen. Eine solch bösartige Kultur hatte es im Verständnis der damaligen Europäer wohl nicht anders verdient, als ausgelöscht zu werden.

 

Kolumbus entdeckt Amerika
Kolumbus entdeckt Amerika

 

Auf seiner dritten Reise (1498-1500) gelangte Kolumbus jedoch an ein südamerikanisches Küstengebiet, dessen Landschaft und Vegetation unbeschreiblich schön waren, genau wie dessen Einwohner, makellos und gesund. Kolumbus hatte wenig Zweifel, dass er soeben das Paradies entdeckt hatte. Bei seiner Rückkehr in Europa verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer auf dem ganzen Kontinent und man begriff, dass die Geschichte der Menschheit, wie sie in der heiligen Schrift niedergeschrieben stand, nicht länger den Tatsachen entsprechen konnte.

 

Bei dem Apfel aus der Bibel musste es sich natürlich um eine Tomate gehandelt haben, dessen Urform in dem gerade entdeckten Paradies überall zu finden war. Mit dieser Frucht erschien vieles einleuchtender, schließlich lockte sie mit verführerischer Schönheit, um das Opfer heimtückisch zu vergiften, wie man damals glaubte.

 

In vielen europäischen Ländern wurde die Tomate deshalb nicht nach ihrer aztekischen Bezeichnung "tomatl" benannt, sondern man gab ihr den Namen "Paradiesapfel", so z.B. in den von den Habsburgern regierten Ländern, wie Schlesien, Böhmen und Tirol. Die Österreicher sagen deshalb heute noch "Paradeiser" und ließen sich das Recht zu der offiziellen Verwendung dieser Bezeichnung sogar von der EU verbriefen, allen europäischen Vereinheitlichungsbemühungen zum Trotz. Schließlich wird in Österreich großer Wert auf regionale Eigenarten und kulturelle Identität gelegt.

 

So

24

Jul

2016

24. Juli  -  Tomatengeschichte - Teil 1

 

Die Früchte der Tomate waren ursprünglich nur so groß wie Johannisbeeren. Es waren Wildtomaten, die höchstwahrscheinlich in den Anden auf dem Gebiet des heutigen Chiles beheimatet waren und das Nahrungsangebot der Menschen bereicherten. 

 

Allmählich verbreiteten sich die Wildarten über ein größeres Gebiet der heutigen Länder Kolumbien, Bolivien und Peru. Die reichtragenden und widerstandsfähigen Urformen der Tomate wurden dann von den Mayas und Inkas ab ca. 200 v. Chr. in Kultur genommen.

 

Der erste Europäer, der eine Tomate zu sehen bekam, war Kolumbus. Die Pflanzenart hatte zu dieser Zeit schon etwa 1700 Jahre Kulturgeschichte verschiedener Hochkulturen hinter sich und hatte mit den Urformen wahrscheinlich nicht mehr viel gemeinsam.

  

Fr

15

Jul

2016

15. Juli  -  Schwitzende Blätter

 

Wie die meisten Pflanzen, können auch Tomaten hin und wieder ins Schwitzen geraten, es sammeln sich an den Blattspitzen dann viele kleine Wassertropfen. Dieser Vorgang ist allerdings weniger eine Reaktion auf zu viel Wärme, sondern hat mit dem Wasserhaushalt der Pflanze zu tun.

 

An den Unterseiten der Blätter gibt es viele kleine Öffnungen, die man Spaltöffnungen oder Stoma nennt. Über diese wird das für den Stoffwechsel der Pflanze benötigte Kohlendioxid aufgenommen und überschüssiger Sauerstoff an die Umwelt abgegeben.


Die Tomatenblätter "schwitzen"
Die Tomatenblätter "schwitzen"

 

Manchmal kommt es aber auch vor, dass Pflanzen zu viel Wasser enthalten. Das geschieht, wenn die Wurzeln weiter Wasser liefern, über die Blätter aufgrund fehlender Wärme aber nicht mehr genug verdunstet werden kann. Das überschüssige Wasser wird dann über die Spaltöffnungen nach außen transportiert, damit der Wasserdruck im Zellgewebe nicht zu groß wird. 

 

Dieser Vorgang des "Schwitzens" kann besonders im Herbst auftreten, meistens in der Nacht, wenn der Boden höhere Temperaturen aufweist als die Luft und diese dann nicht mehr so viel Feuchtigkeit aufnehmen kann. Ohne diesen Mechanismus würden Teile der Pflanzen bei bestimmten Umgebungsverhältnissen förmlich zerplatzen.  

So

03

Jul

2016

03. Juli  -  Solanin in grünen Tomaten

 

Im Vergleich zu anderen Sorten sind beim „Roten Heinz“ schon ziemlich viele Fruchtansätze zu sehen. Im grünen Zustand sind diese natürlich noch nicht genießbar und sogar giftig. Das liegt an dem Inhaltsstoff Solanin, der besonders bei Nachtschattengewächsen wie Tomaten und Kartoffeln vorkommt.

 

Allerdings müsste man schon über 1 kg grüne Tomaten essen, um erste Vergiftungserscheinungen, wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder Kratzen im Hals zu bekommen. 2 kg grüne Tomaten würden bei einer erwachsenen Person wahrscheinlich zum Tod führen.

 

 

Bei Kartoffeln kam es vor einigen Jahrzehnten noch häufiger zu Vergiftungen und sogar zu Todesfällen, weil die alten Kartoffelsorten deutlich mehr Solanin enthielten. Bei den modernen Kartoffelsorten wurde der Solaningehalt mittlerweile so heruntergezüchtet, dass Vergiftungen praktisch nicht mehr vorkommen. Damit es einem so richtig schlecht ginge, müsste man schon fast 3 kg rohe Kartoffeln essen.

  

So

26

Jun

2016

26. Juni  -  Bestäubung von Tomatenblüten

 

Der "Rote Heinz" steht mittlerweile in voller Blüte und hat zum Teil schon Früchte angesetzt. Die Blüten blühen 2-4 Tage und befruchten sich selbst, indem die Pollen bei leichter Erschütterung, z.B. verursacht durch Wind, auf die Blütennarbe fallen. Die Befruchtung kann künstlich verstärkt werden, wenn man die Pflanzen etwas schüttelt, was später zu einem höheren Fruchtertrag führt. Auch eine Fremdbefruchtung durch andere Pflanzen ist bei Tomaten möglich, kommt aber selten vor, so dass man unterschiedliche Tomatensorten ruhig nebeneinander im Garten platzieren kann.

  

 

In der Natur helfen besonders Hummeln bei der Bestäubung von Tomatenblüten. Durch die moderne Landwirtschaft, das Abmähen blühender Flächen, den Insektizid-Einsatz sowie den Anbau von Monokulturen sind gerade in ländlichen Gebieten leider immer mehr Hummelarten vom Aussterben bedroht. In vielen Gärtnereien ist es mittlerweile üblich, ganze Hummelvölker bei speziellen Insekt-Zuchtbetrieben zu bestellen und sich diese paketweise mit der Post senden zu lassen. 

   

Weil es nicht mehr genug Hummeln gibt, kommen die meisten Hummeln heutzutage mit der Post zu den Tomaten...
Weil es nicht mehr genug Hummeln gibt, kommen die meisten Hummeln heutzutage mit der Post zu den Tomaten...

 

Jeder Mensch kann etwas gegen das Hummelsterben tun, denn naturnahe und artenreiche Gärten tragen nicht nur zur Erhöhung der biologischen Vielfalt bei, sondern verbessern auch die Überlebenschancen vieler Hummelstaaten und selbst jeder blütenreiche Balkon bereichert das Nahrungsangebot der bedrohten Insekten.

  

Sa

11

Jun

2016

11. Juni  -  Düngen von Tomatenpflanzen  mit Brennnesseljauche

 

Die Monate Juni und Juli sind bei Tomaten die Hauptwachstumszeit, die Pflanzen haben nun einen erhöhten Nährstoffbedarf und sind dankbar für eine Düngung. Allerdings sollte es mit dem Düngen nicht übertrieben werden, weil ein Nährstoffüberschuss auch für Krankheitsbefall sorgen kann. Ein Einrollen der Blätter kann z.B. ein Zeichen für eine übermäßige Düngung sein.

 

Im Handel gibt es die verschiedensten Düngemittel, wie z.B. schnell wirkende Flüssigdünger, Depotdünger mit Langzeitwirkung, Zwei-Stufendünger, Düngestäbchen oder Düngedrops. Flüssigdünger, der idealerweise für den Bio-Anbau geeignet sein sollte, kann z.B. einmal wöchentlich dem Gießwasser zugeführt werden.

 

Der beste Dünger ist allerdings der, den die Natur kostenfrei zur Verfügung stellt. Für Tomatenpflanzen sind insbesondere Pflanzenjauchen gut geeignet, welche, wenn sie alle 3-4 Wochen gegeben werden, für ein gesundes und kräftiges Wachstum sorgen. Besonders Brennnessel- und Beinwelljauchen haben sich in der Praxis sehr gut bewährt, sind auf einfache Weise herzustellen und wirken zudem vorbeugend gegen Pilzbefall.

 

Herstellung einer Brennnesseljauche:

Ein Fass mit 10 Liter Wasser befüllen, ca. 1kg grob geschnittene Brennnesseln einrühren und das Fass an einen sonnigen Platz stellen. Die Jauche ein bis zwei Wochen lang durchgären lassen und täglich umrühren. Zum Abmildern der Geruchsbildung kann hin und wieder Gesteinsmehl beigemischt werden. 

 

Fertig ist die Jauche, wenn sie nicht mehr schäumt und eine dunkle Farbe angenommen hat. Zum Gießen wird sie im Verhältnis 1:10 mit Wasser vermischt. Außerdem kann sie zur Schädlingsbekämpfung auf Ober- und Unterseite der Blätter gesprüht werden. 

 

Sa

04

Jun

2016

4. Juni  -  Ausgeizen von Tomaten

 

Der "Rote Heinz" bildet wie die meisten Tomaten viele Seitentriebe, wenn man ihn lässt. Die Folge sind sehr buschige und in die Breite wachsende Pflanzen mit kleinen Früchten. Um das zu verhindern geizt man überschüssige Triebe aus, das heißt man entfernt sie, indem man sie einfach mit den Fingernägeln herausknippst. Beim Entfernen größerer Triebe sollte man darauf achten, dass der Pflanze keine größeren Wunden zugefügt werden, diese wären ein Eingangstor für Pilze.

 

Durch die entfernten Triebe werden die vorhandenen Nährstoffe zur Bildung größerer Früchte genutzt, so dass die Ernte größer ausfällt. Allerdings ist das Ausgeizen mit etwas Arbeit verbunden und sollte in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, weil die Pflanze ständig neue Seitentriebe bildet. Die entfernten Triebe lassen sich wie Stecklinge wieder zur Bewurzelung in die Erde setzen, so dass sich schnell Ableger von den Tomatenpflanzen gewinnen lassen.

  

So

29

Mai

2016

29. Mai  -  Wo wachsen Tomaten am besten?

 

Am besten wachsen Tomaten an einem Ort mit viel Sonnenlicht, je mehr Licht desto besser. Optimal ist zum Beispiel ein Platz an einer südlich ausgerichteten Hauswand, so dass die Pflanze zur einen Seite geschützt ist und durch den Dachüberstand nur wenig Regen abbekommt. Die meisten Balkone sind deshalb gute Standorte.

 

Der "Rote Heinz" gedeiht sowohl im Freiland als auch im Topf sehr gut. Im Freiland besteht bei nasskalten Sommern jedoch die Gefahr von Braunfäule, deshalb sollte man die Pflanze vor zu viel Regen schützen, z.B. durch ein kleines Dach. Der Vorteil im Freiland besteht darin, dass man die Pflanzen kaum gießen muss. Die Wurzeln können sehr tief ins Erdreich vordringen und sich selbst mit der nötigen Feuchtigkeit versorgen, solange der Boden dafür geeignet ist.

 

Eine Topfhaltung bietet dagegen die Möglichkeit eines Standortwechsels bei schlechter Witterung. Dafür muss die Pflanze regelmäßig mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden, dabei gilt die Regel: je größer der Topf, desto seltener muss gegossen werden. Kleiner als 30cm sollte der Durchmesser des Topfes deshalb nicht sein. Zum Düngen werde ich im Juni noch etwas schreiben, im Moment kann man damit noch sehr sparsam sein.

  

Sa

21

Mai

2016

21. Mai  -  Sortenvielfalt bei Tomaten

 

Kaum eine Gemüsesorte gibt es, die so vielfältige Eigenschaften aufweist, wie die Tomate. Schätzungen gehen von bis zu 10.000 verschiedenen Tomatensorten weltweit aus. Es gibt sie in allen erdenklichen Farben und Formen, wobei man bei den Formen folgende Kategorien unterscheidet: Rundtomaten, Fleischtomaten, Flaschentomaten, Paprikatomaten, Eiertomaten, Cocktailtomaten, Wildtomaten.

 

Ein Grund für die Sortenvielfalt ist die sehr gute Anpassungsfähigkeit. Tomaten gedeihen auf unterschiedlichsten Böden und gewöhnen sich schnell an neue klimatische Bedingungen. Dabei können sich die Eigenarten der Pflanze leicht verändern und an folgende Generationen weitergegeben werden, so dass durch gezielte Selektierung schnell neue Sorten entstehen können.

  

 

Doch diese durch die Kultivierung der Menschen über viele Jahrhunderte entstandene Vielfalt ist wegen der industrialisierten Landwirtschaft stark gefährdet und könnte schnell der Vergangenheit angehören, wenn nichts unternommen wird.

Ein Großteil der noch vor einigen Jahrzehnten vorhandenen Sorten ist bereits unwiederbringlich verloren gegangen.

  

Sa

14

Mai

2016

14. Mai  -  Fotosynthese

 

Tomaten lieben Sonnenlicht, je mehr desto besser, denn sie sind Meister im Betreiben der Fotosynthese, welche der älteste und wichtigste biochemische Prozess auf der Erde ist. Ohne Fotosynthese wäre kein Leben möglich. 

 

Bis vor ca. 4,5 Milliarden Jahren bestand die Erdatmosphäre noch aus sehr lebensfeindlichen Gasen, wie Wasserstoff, Ammoniak oder Methan. Erst als sich die ersten Bakterienformen und Algen entwickelten, die in der Lage waren Fotosynthese zu betreiben, wurde die Voraussetzung für alles weitere Leben geschaffen. 

 

 

 

Bei der Fotosynthese werden das Gas Kohlenstoffdioxid und Wasser in Traubenzucker umgewandelt. Die Energie für diesen Prozess gewinnt die Pflanze aus dem Sonnenlicht. Der Traubenzucker wird später u.a. in Stärke umgewandelt, die für Pflanzen ein elementarer Baustoff ist.

 

In den Blättern befindet sich der Stoff Chlorophyll, der das Licht absorbiert und für die grüne Farbe von Pflanzen sorgt. Ein Abfallprodukt dieses Prozesses ist Sauerstoff, welches die Pflanze zum Leben nicht benötigt. Er entweicht an kleinen Öffnungen auf der Blattunterseite und ist quasi das Abgas der Pflanze. 

 

Sa

07

Mai

2016

7. Mai  -  Umtopfen der Jungpflanze

 

Das sonnige und warme Wetter in den letzten Tagen hat für einen kräftigen Wachstumsschub der Pflanze gesorgt. Es sind auch ein paar neue Laubblätter hinzugekommen. 

 

Sobald die Wurzeln an den Rand des Blumentopfes stoßen, sollte die Jungpflanze in einen deutlich größeren Topf gesetzt werden. Die Erde darf nun schon etwas Dünger enthalten, aber noch nicht zu viel. Geeignet ist ein Gemisch aus Anzucht- und Blumenerde, bei gekaufter Erde natürlich besser Bio-Blumenerde, die es schon in vielen Baumärkten gibt.

   

Bei Verwendung von Torftöpfen kann die Pflanze mitsamt des Topfes umgepflanzt werden.
Bei Verwendung von Torftöpfen kann die Pflanze mitsamt des Topfes umgepflanzt werden.

 

Es ist sinnvoll, die Pflanze bis zu den Keimblättern in die Erde zu setzen. Das erhöht die Stabilität und sorgt für die Bildung neuer Wurzeln, sogenannter Adventivwurzeln.

Die Erde muss immer gut feucht gehalten werden, weil die Pflanze Trockenheit in dieser frühen Wachstumsphase schlecht vertragen würde.

 

Für die Aufzucht nach dem Umtopfen sollte die Temperatur etwas niedriger bei ca. 18°C liegen, da die Pflanzen sonst vergeilen, d.h. in die Höhe schießen, wobei der Stängel an Stabilität einbüßt. Dabei spielt allerdings das Verhältnis von Licht und Wärme eine wichtige Rolle. Wenn die Pflanze genügend Licht bekommt, wie z.B. in einem Gewächshaus, verträgt sie auch mehr Wärme.


Auf Fensterbänken ist es oftmals nicht hell genug, dafür aber sehr warm. Die Pflanzen strecken sich dann in die Länge und suchen förmlich nach mehr Licht. Wenn also im Haus nicht für mehr Licht gesorgt werden kann, ist es besser die Pflanze an einen kühleren Ort zu stellen.

  

Die Keimblätter schauen gerade so aus der Erde.
Die Keimblätter schauen gerade so aus der Erde.

So

01

Mai

2016

1. Mai  -  Potential eines Samenkorns

 

In einem winzigen Samenkorn sind sämtliche Informationen enthalten, die die spätere Pflanze ausmachen: Die Größe der Pflanze, die Form der Blätter, die Farbe der Blüten, der Geschmack der Früchte und vieles mehr.

 

Genauso erstaunlich ist das Vermehrungspotenzial eines einzigen Samenkorns. Angenommen eine Tomate enthält ca. 50 Samenkörner und von einer Pflanze erntet man 20 Tomaten für die Saatguterzeugung, dann ließe sich daraus nach einem Jahr immerhin Saatgut für 1000 Pflanzen gewinnen und nach dem zweiten bereits für 1 Million. Nach dem dritten Jahr hätte man eine Milliarde Samenkörner und könnte damit fast für jede Familie auf der Erde eine Tomatenpflanze säen.

 
Und diese Rechnung ist eher bescheiden, denn vom "Roten Heinz" lassen sich deutlich mehr als 20 Tomaten pro Jahr und Pflanze ernten.

  

So

24

Apr

2016

24. April  -  BUND & Roter Heinz gegen TTIP

 

 

NDR-Blogeintrag 13:57 Uhr - Sonnabend, 23.04.2016:

 

Gegen das Freihandelsabkommen - dem "Roten Heinz" zuliebe

 

Dieses Banner von TTIP-Gegnern mag auf den ersten Blick etwas wunderlich wirken, hat aber eine ernste Bewandtnis. Der "Rote Heinz" ist eine alte Tomatensorte aus der Region Hannover. Und der BUND fürchtet, dass sie durch das Abkommen verschwinden könnte, weil die EU-Kommission den freien Tausch, den Anbau und die Regionalvermarktung dieser alten, nicht zugelassenen Sorten verbieten will.

 

Sa

23

Apr

2016

23. April  -  Für Saatguternte nur die besten Pflanzen

 

Wer später Saatgut ernten möchte, sollte darauf achten, dass er dafür nur von gesunden und gut gewachsenen Pflanzen die Tomaten auswählt. Auch die Entwicklung des Keimlings spielt dabei eine wichtige Rolle. 

 

Wenn ihr, wie anfangs beschrieben, mehrere Pflanzen in einem Blumentopf ausgesät habt, solltet ihr nur die größte in dem Topf lassen. Falls sich Keimlinge nicht richtig entwickelt haben, wenn zum Beispiel nur ein Keimblatt vorhanden ist, solltet ihr diese Keimlinge auch entfernen.

 

Die Keimlinge brauchen nicht weggeschmissen zu werden, sondern können in einen anderen Blumentopf gesetzt werden. Saatgut sollte von diesen Pflanzen später jedoch nicht geerntet werden.

 

Mo

18

Apr

2016

18. April  -  Wachstum alter Gemüsesorten

 

Wahrscheinlich sind Eure Tomaten-Jungpflanzen unterschiedlich groß, obwohl ihr sie alle zugleich eingesät habt. Das ist nicht ungewöhnlich, denn bei alten Gemüsesorten ist es eher normal, dass die einzelnen Pflanzen unterschiedlich schnell wachsen.

 

Für die Bauern damals wäre es unpraktisch gewesen, wenn sich alle Pflanzen gleich schnell entwickelten, weil sonst auch die Ernte gleichzeitig angefangen und aufgehört hätte. Viele alte Gemüsesorten lassen sich deshalb über einen größeren Zeitraum beernten, so dass man länger etwas von ihnen hat.

 

Bei den modernen Sorten hat man diese Eigenschaft weggezüchtet, weil man für den industriellen Massenanbau gleichförmige Pflanzen und Früchte benötigt, für die sich der Erntetermin möglichst genau vorhersagen lässt.

  

Mi

13

Apr

2016

13. April - Wurzelhaare

 

Die Keimwurzel bildet nun sogenannte Wurzelhaare. Das sind die kleinen Seitentriebe, die unten auf dem Bild sichtbar sind. Damit kann die Pflanze noch mehr Wasser und Nährstoffe aufnehmen und bekommt einen sichereren Halt in der Erde.

 

So

10

Apr

2016

10. April  -  Keimblätter der Tomate

 

Die ersten Blätter nennt man Keimblätter, sie haben die Aufgabe, den Keimling mit Nährstoffen zu versorgen. Tomaten haben immer zwei davon, es gibt aber auch Pflanzenarten mit nur einem oder mit mehreren Keimblättern.

 

Man unterscheidet zwischen zwei Keimungsarten. Bei der überirdischen Keimung, wie sie bei Tomaten der Fall ist, befinden sich die Keimblätter über der Erde und betreiben bereits Photosynthese, das heißt sie nutzen die Energie des Sonnenlichts.

 

Bei der unterirdischen Keimung bleiben die Keimblätter in der Erde und dienen lediglich als Speicherorgane. Sie ernähren den Keimling so lange mit Nährstoffen, bis die ersten richtigen Blätter sich ausgebildet haben und Photosynthese betreiben können. Sobald dieses geschieht, sterben die Keimblätter ab.

  

So

03

Apr

2016

03. April  -  Keimwurzel

 

Leider ist in den ersten Tagen nicht viel von dem kleinen Wunder zu sehen, das sich in der Erde abspielt, wenn das Samenkorn schon kurz nach der Aussaat zum Leben erweckt wird.

 

Zunächst nimmt es Wasser aus der feuchten Erde auf, bis es ungefähr das dreifache seines ursprünglichen Gewichts erreicht hat. Die Samenschale dehnt sich dabei und wird ganz weich, bis sie irgendwann von der winzigen Keimwurzel durchbrochen wird, die sich ihren Weg in Richtung Erdanziehung sucht.

 

Mit der Keimwurzel kann der Samen nun noch mehr Wasser aber auch Nährstoffe aufnehmen, außerdem dient sie dazu, der angehenden Pflanze festen Halt in der Erde zu geben.

 

Keimwurzel des "Roten Heinz"
Keimwurzel des "Roten Heinz"

So

27

Mär

2016

27. März  -  Aussaat von Tomatenpflanzen

Für die Anzucht von Tomatenpflanzen eignet sich z.B. ein kleiner Blumentopf gefüllt mit Anzuchterde auf einer warmen Fensterbank mit möglichst viel Sonnenlicht. Je Blumentopf genügen zwei Samenkörner, die man ca. 1cm tief in die Erde steckt. Die Körner sollten nicht zu dicht nebeneinander liegen, sondern einen Abstand von 2 bis 3cm haben. Am Anfang muss die Erde ausreichend feucht gehalten werden aber nicht zu nass, wofür sich z.B. eine Sprühflasche sehr gut eignet.

 

Zwei Samenkörner der Tomatensorte "Roter Heinz" in feuchter Anzuchterde.
Zwei Samenkörner der Tomatensorte "Roter Heinz" in feuchter Anzuchterde.

Sa

19

Mär

2016

19. März  -  Der "Rote Heinz" ist tot

 

Nicht nur in der Welt der Nutzpflanzen scheint das Aussterben regionaler Sorten und Originale ein Problem zu sein, auch andere Kulturbereiche haben damit zu kämpfen, wie das folgende Beispiel zeigt.

 

Neulich stießen wir im Internet auf eine Meldung, die uns einen ziemlichen Schreck einjagte. "Der Rote Heinz ist tot!" war die Schlagzeile der Nachricht und zwar schon seit November letzten Jahres. Das kann nicht sein, dachten wir, schließlich hatten wir in den letzten Wochen zahlreiche Tütchen mit Saatgut der historischen Tomatensorte abgefüllt und sie in und um Hannover verteilt. Außerdem hatten wir bereits die ersten Saatkörner ausgesät, von denen auch schon einige gekeimt waren. Der "Rote Heinz" mag ja vielleicht eine vom Aussterben bedrohte Sorte sein, aber von "tot" kann also noch nicht die Rede sein.

  

Beim lesen der Nachricht klärte sich der Sachverhalt schnell auf, denn es war gar nicht von der bedrohten hannoverschen Gemüsesorte die Rede. Vielmehr wurde von einem bekannten österreichischen Namensvettern berichtet, der letztes Jahr gestorben war. Es handelte sich nämlich um einen berüchtigten ehemaligen Kriminellen der Wiener Unterwelt. Sein richtiger Name war Heinz Bachheimer, doch man nannte ihn nur ehrfürchtig den "Roten Heinz" oder auch den "Roten Heinzi", den Rotlicht-König von Wien.

  

Der "Rote Heinz" war das letzte Original der Wiener Unterwelt. Foto: Starpix/Alexander TUMA
Der "Rote Heinz" war das letzte Original der Wiener Unterwelt. Foto: Starpix/Alexander TUMA

 

Gefürchtet und respektiert und von vielen sogar verehrt und bewundert wurde er besonders in den 1970er Jahren, als er das Wiener Rotlicht-Geschehen lenkte wie kein anderer vor ihm. Bald war er auch überregional bekannt und selbst im deutschen Fernsehen wurde nach ihm gefahndet, was ihn in Österreich allerdings nur umso bekannter und beliebter machte.

  

Als man ihn 1978 verhaftete und anschließend zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilte, soll er einen goldenen Revolver bei sich getragen haben. Er gilt als einer der letzten Originale in Wiens Unterwelt und gehört damit, genau wie der "Rote Heinz" in Hannover, einer aussterbenden Spezies an.  

  

Fr

11

Mär

2016

11. März  -  Aktion "Rettet Roter Heinz"!

 

Ab heute startet wieder die Aktion "Rettet Roter Heinz". Flyer mit Saatgut der alten hannoverschen Tomatensorte sind im Fanshop an der HDI-Arena sowie im Fanshop am Kröpcke kostenfrei erhältlich, solange der Vorrat reicht.

 

Konnten im letzten Jahr Glücksbringer-Pflanzen des "Roten Heinz" die Mannschaft von Hannover 96 gerade noch vor dem Abstieg retten, erscheint die Lage dieses Jahr beinahe aussichtslos. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt und egal ob erste oder zweite Liga, der "Rote Heinz" wird seiner Mannschaft immer fest die Treue halten.

 

Aktionsflyer "Rettet Roter Heinz" im Fanshop an der HDI-Arena...
Aktionsflyer "Rettet Roter Heinz" im Fanshop an der HDI-Arena...
...und im Fanshop am Kröpcke.
...und im Fanshop am Kröpcke.
2015 rettete Roter Heinz die Roten vor dem Abstieg - 2016 retten die Roten den Roten Heinz vor dem Aussterben
2015 rettete Roter Heinz die Roten vor dem Abstieg - 2016 retten die Roten den Roten Heinz vor dem Aussterben

Sa

05

Mär

2016

5. März  -  Kalebassen

 

Kalebassen, auch Flaschenkürbisse genannt, gehören zu den ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Archäologische Funde bestätigen ihren Anbau seit über 10.000 Jahren in zahlreichen Kulturen fast aller tropischer und subtropischer Erdgebiete. Ursprünglich stammen sie wohl aus Afrika, eine wilde Urform wurde aber bisher nicht entdeckt, wahrscheinlich weil ihre Inkulturnahme vom Menschen einfach schon zu lange her ist.

 

Lange Zeit hat man sich gefragt, wie es möglich war, dass diese Pflanze fast zeitgleich in den Kulturen Südamerikas, Ostasiens und vieler anderer auftauchte, weil die Verbreitung von Kulturpflanzen normalerweise ein sehr zeitaufwendiger Prozess war und hauptsächlich über Landwege erfolgte.

 

Kürzlich hat sich ein Forscherteam aus den USA mit dieser Frage beschäftigt und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis. Mittels DNA-Analysen fand man heraus, dass eine 10.000 Jahre alte südamerikanische Flaschenkürbisart aus Afrika stammte. Als wahrscheinlichste Theorie vermutet man deshalb, dass es Flaschenkürbisse mit ihrer wasserfesten Hülle schwimmend über den Atlantik geschafft haben und das Saatgut dort von Säugetieren verbreitet wurde. Amerika wurde demnach weder von Kolumbus noch von den Wikingern entdeckt, sondern von einer Kalebasse.  

  


Das Fruchtfleisch junger Kalebassen findet sich in den Küchen vieler Kulturen, doch in erster Linie werden Flaschenkürbisse zu Nutzgegenständen verarbeitet wie z.B. Trinkgefäße, Aufbewahrungsbehälter, Musikinstrumente, Lampen, Weinheber, Tabakspfeifen, Käfige und vieles mehr.

 

Ihre Verarbeitungs- und Nutzmöglichkeiten sind so vielfältig, dass man sich fragt, warum sie bei uns keine Verwendung mehr finden. Zwar ist aktuell viel von Nachhaltigkeit die Rede, besonders in der Werbung, doch solch ökologische, langlebige und voll kompostierbare Nutzgegenstände sind im Zeitalter der Cola-Büchse und des Tetra-Paks bei uns nicht mehr zu finden, ganz anders als z.B. in vielen "Entwicklungsländern" Afrikas.

 


Mi

02

Mär

2016

2. März  -  Stangenbohne "Napoleon"

 

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Hauptparolen der französischen Revolution und der darauf folgenden Epoche, die für Europa eine bis heute prägende Zeitenwende einläutete. Genau wie ihr berühmter Namensgeber kam die Stangenbohne „Napoleon“ mit französischen Truppen nach Deutschland, das damals noch aus einer Vielzahl von Königreichen und Herzogtümern bestand. Die Bauern und Bürger dieser kleinen Regionalstaaten interessierten sich bis dahin kaum für alles was sich außerhalb dessen abspielte. Krieg oder Frieden wurden hingenommen wie Naturereignisse, auf die man keinen Einfluss hat.  

  

 

Aus Sicht der deutschen Kulturgeschichte fällt diese Epoche in die Goethe-Zeit. Obwohl sich der Dichter und Gärtner später unter Kaiser Napoleon treu und ergeben zeigte, hatte Goethe gegen die Ideen und Ideale der französischen Revolution tiefste Vorbehalte.

 

„Freiheit“ bedeutete für ihn eher die Freiheit des Einzelnen, sich seiner inneren und äußeren Natur bewusst zu werden und dieser Natur bedingungslos zu folgen. Die aufkeimenden Nationalbewegungen, die Gleichstellung der Massen in Verbindung mit der damals beginnenden Industrialisierung beunruhigten Goethe dagegen sehr und mit zunehmendem Alter wurden ihm die damit einhergehenden, tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen immer deutlicher.

 

Mit seinem bedeutendsten Werk, der Tragödie Faust, insbesondere mit dem Spätwerk Faust II, zeichnete der Dichter ein umfassendes und weit in die Zukunft blickendes, kritisches Bild von der modernen Gesellschaft, welche aus ökonomischer und politischer Sichtweise in der Goethe-Zeit ihren Ursprung hat. Bis heute ist eine

abschließende Deutung des Faust nicht gelungen, vielleicht auch, weil Goethe

über unseren Zeithorizont hinausblickte?

  

 

Die Personen Napoleon Bonaparte und Johann Wolfgang von Goethe sind jedenfalls schon lange fort. Die Stangenbohne „Napoleon“, ein Relikt aus dieser Zeit, ist aber glücklicherweise geblieben. Besonders in den deutschen Gebieten westlich des Rheins, die von der Zeit Napoleons am stärksten geprägt wurden, hat man diese Stangenbohne in den letzten Jahren wiederentdeckt. Seitdem wird sie dort von einigen Initiativen rekultiviert und am Leben gehalten.

  

Sa

20

Feb

2016

20. Februar  -  Landis Valley Museum

 

Leider ist es oft sehr schwierig etwas über die genaue Geschichte und Herkunft alter Gemüsesorten herauszufinden. In den Sortenbeschreibungen der Saatgutanbieter findet man oft nicht mehr als den Hinweis, dass es sich um eine alte Sorte handelt. Außerdem gibt es in Deutschland nur wenige Vereine und Initiativen, die sich näher mit diesem Thema beschäftigen.

 

Als wir letztes Jahr zum Beispiel nach der Geschichte einer alten Tomatensorte mit dem Namen "Mammoth German Gold" suchten, war das Ergebnis der Suche sehr dürftig. Die Suche auf englischsprachigen Seiten führte uns schließlich auf die Webseite eines amerikanischen Heimatmuseums in Pennsylvania, das sich mit der Geschichte deutscher Einwanderer im Zeitraum 1740 - 1940 befasst.

  

Das Landis Valley Museum in Pennsylvania
Das Landis Valley Museum in Pennsylvania

Seit 1925 wird im Landis Valley Museum die Kultur der deutschen Einwanderer gezeigt und bewahrt
Seit 1925 wird im Landis Valley Museum die Kultur der deutschen Einwanderer gezeigt und bewahrt

 

Teil des Museums ist u.a. ein Vermehrungsgarten mit dem Namen Heirloom Seed Project, in dem seit über 30 Jahren historische und vom Aussterben bedrohte Kulturpflanzen erhalten werden, um das Erbe der Kulturpflanzenvielfalt früherer Jahrhunderte zu bewahren. Viele Sorten des Heirloom Seed Project gehen auf deutsche Einwanderer zurück, die das Saatgut im 18. und 19. Jahrhundert in die USA brachten und die Pflanzen über viele Jahrzehnte kultivierten.

 

Während sich in Deutschland im 19. Jahrhundert schon ein dichtes Netz an Saatguthändlern entwickelte, so dass neu gezüchtete Sorten immer häufiger die alten verdrängten, verkehrten in den Siedlungsgebieten der großflächigen USA noch nicht so viele Saatgutanbieter. Die Farmer mussten so weiterhin ihr eigenes Saatgut erzeugen, wie es seit Urzeiten üblich war.

 

Das Heirloom Seed Project des Museums
Das Heirloom Seed Project des Museums

 

Die Tomate "Mammoth German Gold" ist eine Fleischtomate, die bei deutschen Siedlern Ende des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war. Joanne Ranck-Dirks, die Projektleiterin des Heirloom Seed Project berichtete uns, dass diese Tomate zu den ersten historischen Kulturpflanzen gehörte, die Anfang der 1980er Jahre im Landis Valley Museum angebaut wurden. Seitdem ist sie die beliebteste und bekannteste Tomatensorte dieses Projekts geblieben.

 

Tomatensorte "Mammoth German Gold"
Tomatensorte "Mammoth German Gold"

 

Anders als die uns bekannten geschmacklosen Fleischtomaten aus dem Supermarkt besitzt die "Mammoth German Gold" ein ausgezeichnetes Aroma mit angenehmer Süße und mäßigem Säuregehalt. Die gerippten, riesigen Früchte wechseln in ihrer Farbe zwischen gold-gelb und leuchtend-rot und sind in jedem Gemüsebeet ein echter Hingucker.

 

Sa

13

Feb

2016

13. Februar  -  Urban Gardening in Detroit

Detroit ist die Heimatstadt der Ford Company, die die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts in kürzester Zeit zu einem bedeutenden Industriestandort machte. Durch die Ansiedlung weiterer großer Firmen wie General Motors oder Chrysler wurde Detroit bald zur "Motortown", der wichtigsten Autostadt in den USA. Lebten um 1900 noch etwa 300.000 Menschen in Detroit, so waren es 1950 fast zwei Millionen. 

  

 

Dann begann der langsame Niedergang der Autoproduktion, die wegen geringerer Lohnkosten in die Südstaaten verlagert wurde. Seitdem ist die Bevölkerung Detroits wieder auf etwa 700.000 Einwohner zurückgegangen mit stark fallender Tendenz und die einst blühende Industriestadt ist immer mehr vom Zerfall gezeichnet.

 

Während der historische Stadtkern mit seinen Wolkenkratzern noch wie jede andere amerikanische Großstadt aussieht, gleichen die angrenzenden Stadtteile mit ihren leerstehenden Häusern und brachliegenden Grundstücken eher einer Geisterstadt.

 

2013 musste Detroit mit ca. 18 Milliarden Dollar Schulden Insolvenz anmelden, die Infrastruktur brach daraufhin völlig zusammen. Das Leben der fast ausschließlich schwarzen Bevölkerung ist von Armut und Kriminalität geprägt, die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 50% und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. In den Stadtteilen gibt es mittlerweile keine Supermärkte mehr, so dass Fertigprodukte praktisch nur noch an den wenigen Tankstellen gekauft werden können.

 

 

In dieser hoffnungslosen Lage begannen in den 1990er Jahren wieder viele Einwohner von Detroit sich selbst zu versorgen. Auf den Grundstücken mitten in der Stadt wurden immer mehr Nutzgärten angelegt und es gründeten sich viele Initiativen, um die von der Verwilderung bedrohten Brachflächen zu bepflanzen.

 

Heute ist Detroit längst nicht mehr das Zentrum der Autoindustrie, sondern eher die Hauptstadt der städtischen Nutzgärten. Und wenn man den Prophezeiungen vieler Zukunftsforscher glaubt, könnte im Zuge der Dauerkrisen auch anderen Städten eine ähnliche Entwicklung drohen.

 


 

Aber auch ohne wirtschaftliche Not bekommt das "Urban Gardening" heute immer mehr Anhänger. Besonders in den Städten wünschen sich viele Menschen wieder einen Kontrast zum grauen Alltag und erfreuen sich immer zahlreicher den Vorzügen von selbst angebautem frischen Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten.

 

Die folgenden Links führen zu den Webseiten verschiedener Gartenprojekte in deutschen Städten:

 

So

07

Feb

2016

7. Februar  -  Schöne Neue Welt

 

1932 erschien der Zukunftsroman "Brave New World" von Aldous Huxley, der u.a. die Entwicklung der von Henry Ford erfundenen Produktionsweisen fiktiv weiterverfolgt. Die Geschichte spielt im Jahr 632 nach Ford, das Jahr Null der neuen Zeitrechnung ist demnach die Markteinführung des Ford Modell T im Jahr 1908, des ersten am Fließband hergestellten Massenautos.

 

Im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe heißt es, dass Huxley die Konsequenzen des technischen Fortschritts folgerichtig zu Ende denkt. Das Ergebnis erscheint zunächst nicht ausschließlich negativ. In der schönen neuen Welt gibt es weder Krieg noch Krisen, Krankheiten wurden durch die moderne Medizin abgeschafft, jeder scheint glücklich, frei und zufrieden zu sein. 

  

 

Jeglicher Schmerz wird den Menschen erspart, sogar Babies werden in künstlichen Gebärmuttern herangezogen, um die Frauen vor den Qualen archaischer Geburten zu bewahren, wie es sie nur noch in den wenigen Wildreservaten gibt. Krankhafte, von der Norm abweichende Embryonen werden frühzeitig selektiert und entfernt um nur genetisch einwandfreie Individuen zu erzeugen.

 

Die Menschen werden von Kindesjahren an auf ihre Bestimmung hin konditioniert, durch permanente Befriedigung aller körperlichen Bedürfnisse ruhiggestellt sowie durch Konsum und geregelter Drogeneinnahme gefügig und abhängig gemacht. Der Preis, den die Menschen für ihr zufriedengestelltes Leben zahlen müssen, ist ihnen nicht bewusst und kritisches Hinterfragen wird von der Gesellschaft nicht toleriert. Alles Geistige oder emotional in die Tiefe gehende, wie Kunst, Religion, klassische Musik, Philosophie oder Liebe ist unerwünscht und wird vom System unterdrückt.

   

Erste deutsche Fassung von 1932 mit dem Titel "Welt-wohin?" 1950 wurde es dann zu "Wackere neue Welt" bis es in späteren Ausgaben schließlich "Schöne neue Welt" hieß.
Erste deutsche Fassung von 1932 mit dem Titel "Welt-wohin?" 1950 wurde es dann zu "Wackere neue Welt" bis es in späteren Ausgaben schließlich "Schöne neue Welt" hieß.

  

"Brave New World" spielt in ferner Zukunft, der Autor Aldous Huxley erlebte jedoch schon zu Lebzeiten die technische Möglichkeit einige seiner Vorhersagen, worüber er sich an seinem Lebensende Anfang der 1960er Jahre sehr besorgt äußerte. Heute gibt es in dem Buch kaum noch etwas zu finden, das nicht mehr realisierbar wäre oder zum Teil sogar verwirklicht wurde.

 

Der Roman beginnt mit dem Zitat eines russischen Philosophen aus dem 19. Jahrhundert. Er stellt die Frage, ob die Verhinderung realisierbarer Utopien künftig vielleicht sogar wichtiger sei, als deren Verwirklichung und ob die Rückkehr zu einer weniger perfekten, dafür aber freieren und gerechteren Gesellschaft nicht wünschenswerter sei.

  

Sa

30

Jan

2016

30. Januar  -  Henry Ford

Henry Fords Lebensgeschichte gehört zu den bemerkenswertesten in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Er war als Sohn eines einfachen Farmbesitzers zu einer der mächtigsten und bekanntesten Personen geworden. Trotzdem waren sein Leben und Wirken schon zu seiner Zeit umstritten und voller Widersprüche. Besonders zweifelhaft waren u.a. sein politisches Engagement und seine Neigungen zum Antisemitismus, die ihn sogar zum Vorbild vieler Nationalsozialisten einschließlich Hitler werden ließen.

 

Als Ford 1913 mit der Einführung der Fließbandproduktion das erste für große Teile der Bevölkerung erschwingliche Massenauto Modell T schuf, hatte er keinen Zweifel, damit etwas zum Wohl der Menschheit beizutragen. Jeder Amerikaner, egal welcher Herkunft, sollte sich ein Auto leisten können, das ihn in seiner Mobilität unabhängig und frei machen würde.

  

Ein Modell T entsprach etwa drei Monatslöhnen eines Fließbandarbeiters bei Ford.
Ein Modell T entsprach etwa drei Monatslöhnen eines Fließbandarbeiters bei Ford.

Ford war davon überzeugt, dass er mit dem Modell T das perfekte Fortbewegungs-mittel entworfen hatte und die Entwicklung des Autos damit abgeschlossen sei. Je mehr er davon produzierte, desto günstiger würde es werden und desto mehr Menschen würden so ihr Reisebedürfnis stillen können.

 

Der Erfolg gab ihm Recht, bis in die Mitte der zwanziger Jahre stiegen die Absatzzahlen und Henry Ford weigerte sich, irgendetwas am Design oder der Leistung des Modell T zu verändern oder gar ein zweites Modell auf den Markt zu bringen, das der Senkung der Produktionskosten entgegengewirkt hätte.

 

Nach Fords Philosophie hatte ein Auto nur seinen Nutzen zu erfüllen und sollte möglichst einfach in Bedienung, Wartung und Aussehen sein. Selbst die Wahl einer zweiten Farbe hielt Ford für überflüssigen Luxus.

 

Zwei seiner berühmtesten Zitate lauteten wie folgt:

 

„Jeder Kunde kann sein Auto in einer beliebigen Farbe lackiert bekommen, solange die Farbe, die er will schwarz ist.“

 

„Ein vernünftiges Auto soll seinen Besitzer überallhin transportieren — außer auf den Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

 

Ford legte schon früh großen Wert auf Werbung
Ford legte schon früh großen Wert auf Werbung

 

Ab Mitte der 20er Jahre brachen die Verkaufszahlen des Modell T jedoch ein. Der Grund dafür lag in erster Linie am gesteigerten Angebot konkurrierender Autohersteller, so dass sich auch die Ford Company schließlich gezwungen sah, ein zweites Modell zu entwickeln. Mit der Steigerung der Angebotsvielfalt begannen allmählich auch die Ansprüche des Marktes zu steigen. Die Konsumfreude der Käufer wurde geweckt und schon bald genügte es nicht mehr ein Auto zu besitzen, sondern es musste auch den individuellen Wünschen und Erfordernissen jedes Einzelnen entsprechen.

 

War das Modell T in den USA noch ein Symbol von Freiheit und Gleichheit gewesen, so standen Autos schon in den 50er Jahren eher für Selbstverwirklichung, Individualität oder Status. Und es dauerte keine zwanzig weitere Jahre, bis bereits die ersten negativen Effekte, wie Staus, Ölkrise, Arbeitslosigkeit, Umwelt-verschmutzung oder Ressourcenverbrauch in Erscheinung traten.

 

 

Henry Ford wurde Zeit seines Lebens nie von größeren Selbstzweifeln geplagt, so zahlreich seine Gegner auch waren. Bis heute ist er das große Vorbild in der Unternehmerwelt geblieben und seine Zitate werden in Managerseminaren wie heilige Gebote gepredigt.

 

Wenn er heute noch leben und man ihn mit der Tatsache konfrontieren würde, dass sein Lebenswerk nicht unerheblich zum Treibhauseffekt beiträgt, er würde wahrscheinlich wie die meisten konservativen US-Amerikaner leugnen, dass es überhaupt einen von Menschen gemachten Klimawandel gibt.

 

Sa

23

Jan

2016

23. Januar  -  Ford & Heinz

 

2014 machten die Konzerne Ford und Heinz Schlagzeilen, als sie verkündeten gemeinsam an einem Biokunststoff zu forschen. Biomasse aus dem Tomatenanbau solle künftig als Rohstoffquelle für die Herstellung von Fahrzeugteilen dienen. Letztes Jahr im Mai hatten wir schon einmal darüber berichtet. 

  

Aus historischer Sicht passt die Zusammenarbeit sehr gut, denn in der Geschichte beider Konzerne gibt es viele Parallelen. War Henry John Heinz ein Pionier für die Massenherstellung in der Lebensmittelindustrie, so gilt Henry Ford als Erfinder der industriellen Autoproduktion oder gar als Wegbereiter moderner industrieller Produktionsweisen.

 

Genau wie Heinz stammte Ford aus relativ bescheidenen Verhältnissen, seine Eltern waren aus Irland eingewandert und betrieben eine Farm in der Nähe von Detroit. Während einer dürftigen Schulausbildung tüftelte er lieber an Maschinenteilen herum und baute mit fünfzehn Jahren bereits seinen ersten Verbrennungsmotor in seiner eigenen kleinen Werkstatt.

 

 

Henry Ford als junger Ingenieur
Henry Ford als junger Ingenieur

 

Nach einer Ausbildung als Maschinist arbeitete er mehrere Jahre in der Firma des Glühbirnen-Erfinders Edison bis er 1899 seine erste Firma, die Detroit Automobile Company gründete, die aber schon nach drei Jahren pleite ging. Doch genau wie Henry John Heinz, der zu diesem Zeitpunkt schon Multimillionär war, gab Henry Ford nicht auf und gründete 1903 die Ford Motor Company.

 

Von da an ging es steil bergauf. Ford experimentierte mit mehreren Fahrzeugtypen bis er 1908 schließlich das Ford Modell T auf den Markt brachte, das später auch Tin Lizzy genannt wurde. Mit der Entwicklung und Einführung der Fließbandproduktion im Jahr 1913 wurde das Modell T zum Massenprodukt und verkaufte sich bis zum Ende der 20er Jahre über 15 Millionen mal. Dieser Rekord hielt bis in die 1970er Jahre, als er vom VW-Käfer eingestellt wurde. 

 

Das Ford Modell T wurde über 15 Millionen mal verkauft
Das Ford Modell T wurde über 15 Millionen mal verkauft

 

Doch Ford wurde nicht nur durch die Entwicklung der Massenproduktion zum Vorbild moderner Fertigungsweisen, auch bei den Lohn- und Arbeitszeiten in seinen Fabriken führte er bahnbrechende neue Standards ein. So verdoppelte er den damals üblichen Tageslohn bei gleichzeitiger Senkung der Arbeitszeit und Einführung des 8-Stunden-Tags. Er begründete die Verbesserung von Arbeitsbedingungen nicht mit humanen Motiven, sondern mit der Absicht, die Kaufkraft und Freizeit der Arbeiter zu erhöhen, um die Nachfrage nach Autos zu stärken. Damit wurde Henry Ford auch zum Wegbereiter der Konsumgesellschaft des 20. Jahrhunderts.

 

Fr

15

Jan

2016

15. Januar  -  Die Marke "Heinz"

 

Was ist das Geheimnis der Erfolgsgeschichte von Heinz-Ketchup? War es das Rezept, das selbst heute angeblich nur acht Leute kennen? Oder war es die innovative Idee von Henry John Heinz seine Saucen in Glasflaschen abzufüllen, damit sich jeder schon beim Kauf von der Reinheit des Produkts überzeugen kann?

 

 

 

 

Auf der Webseite von Heinz-Ketchup wird es mit den guten Zutaten, der unermüdlichen Arbeit und der Inspiration von Henry John Heinz begründet. Doch das eigentliche Erfolgsrezept von Heinz war die Erfindung des modernen Marketings. Kaum jemand vor ihm hatte erkannt, wie wichtig die Schaffung eines guten Markennamens ist, mit dem jeder potenzielle Konsument sofort bestimmte Eigenschaften assoziieren kann und soll.

 

Bei Heinz-Ketchup ist es vor allen Dingen die Vorstellung von der Reinheit des Produkts und das Bild sonnengereifter Tomaten, welches das Wort "Heinz" bei uns wecken soll. Henry John Heinz setzte sich schon 1906 für die Schaffung eines Reinheitsgesetzes für Lebensmittel in den USA ein, das den Zusatz chemischer Konservierungsmittel verbieten sollte. Seitdem fehlt diese über hundert Jahre alte Initiative in kaum einem Werbetext des Heinz-Marketings.

 

 

 

Der Verzicht chemischer Konservierungsmittel ist natürlich zu begrüßen, allerdings wären solche Stoffe bei Heinz-Ketchup auch nicht erforderlich, weil das Produkt im Grunde nur aus Konservierungsmitteln, wie Zucker, Essig und Salz besteht. Tomaten haben gerade mal einen Anteil von 21 Prozent.

 

Und natürlich ist in den roten Flaschen, wo "Heinz" draufsteht auch kein "Roter Heinz" drin, sondern namenlose Hybrid-Hochleistungssorten, die aus den Zuchtlabors der Heinz Company stammen.

 

 

 

 

Die Bedeutung eines guten Marketings zeigte sich u.a. schon während der Weltausstellung 1893 in Chicago, als Henry John erstmalig Werbegeschenke verteilen ließ. Es waren kleine Heinz-Sticker in Form einer Gurke und die Wirkung war überwältigend, es wurden über eine Million davon verteilt. Der Heinz-Stand musste von der Polizei vorübergehend geschlossen werden und es berichteten sämtliche Zeitungen darüber. Noch heute gilt die grüne Heinz-Gurke als der berühmteste Give-Away-Artikel der Merchandise-Geschichte.

 

Fr

08

Jan

2016

8.  Januar  -  Heinz der Auswanderer

Über Johann Heinrich Heinz, dem Vater des späteren Ketchup-Imperiengründers, ist wenig bekannt. Als Sohn eines Winzers wurde er 1811 im pfälzischen Kallstadt geboren und emigrierte 1840 in die USA nach Pittsburgh, Pennsylvania. Dort gründete er ein Unternehmen zur Herstellung von Ziegelsteinen.

 

Sein Sohn Henry John Heinz arbeitete zunächst im Unternehmen seines Vaters, konnte sich aber nicht so recht dafür begeistern. Seine Leidenschaft galt mehr dem Gemüseanbau, schon mit acht Jahren hatte er begonnen, Gemüse aus dem Garten der Eltern in der Nachbarschaft zu verkaufen. Mit neun stellte er bereits seine ersten Saucen her, die bald im ganzen Stadtviertel bekannt waren und mit zwölf verdiente er sich mit einem eigenen kleinen Acker und einem Handwagen schon ein gutes Taschengeld.

 

Henry John Heinz mit seiner Frau Sarah
Henry John Heinz mit seiner Frau Sarah

 

Mit 25 Jahren gründete Henry John seine erste Firma und verdiente sein Geld hauptsächlich mit dem Anbau und Verkauf von eingelegtem Meerrettich, Gurken und Sauerkraut, allerdings ohne großen Erfolg, so dass die Firma 1875 pleite ging. Er ließ sich jedoch nicht beirren und gründete ein Jahr später gemeinsam mit zwei seiner Geschwister eine neue Firma.

 

1876 entwickelte er aus Tomatenmark, Essig und Gewürzen seine erste Rezeptur einer neuartigen Tomatensauce und nannte sie in Anlehnung an chinesische Ketsiap-Würzsaucen "Ketchup". Der Verkauf dieser Saucen lief so gut, dass er 1888 die Firma allein übernahm und ihr den Namen H. J. Heinz Company gab.

 

 

Es war der Beginn einer bis heute anhaltenden Erfolgsgeschichte. Ketchup eroberte im Sturm den amerikanischen Markt und schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde es zu einem Exportschlager und neben Coca-Cola zum Inbegriff des amerikanischen Lebensstils. Das Leben von Henry John Heinz steht seitdem stellvertretend für die Verwirklichung des "American Dream", der Vorstellung, dass es in Amerika jeder Mann und jede Frau unabhängig von Herkunft und Startkapital aus eigener Kraft gelingen kann, zu Wohlstand und Reichtum zu gelangen.

 

Fr

01

Jan

2016

1. Januar  -  Die Könige von Kallstadt - Kings of Kallstadt

Kallstadt ist ein 1200-Seelenort an der deutschen Weinstraße im Kreis Bad Dürckheim, ein Dorf, das man sich idyllischer kaum vorstellen kann und eine der berühmtesten Spitzenweinlagen der Pfalz besitzt, den "Saumagen". Schon zu römischen Zeiten war die Gegend um Kallstadt eine blühende Kulturlandschaft und trotzdem blieb auch dieser Ort nicht von der Pfälzer Massenauswanderung im 18. und 19. Jahrhundert verschont.

 

 

Die Schicksale zweier deutscher Auswanderer wollen wir nachzeichnen, die zufälligerweise beide aus diesem kleinen Ort stammten. Beide kamen aus ärmlichen Verhältnissen und gaben im 19. Jahrhundert, wie tausende ihrer Zeitgenossen, ihr Hab und Gut auf, um sich auf eine lange und ungewisse Reise in das Land der Freiheit zu begeben. Ihre Namen waren Friedrich Trump und Johann Heinrich Heinz.

 

Die Geschichte von Friedrich Trump ist schnell erzählt. Als illegaler Einwanderer arbeitete er von 1885 bis 1891 in New York als Friseur, gründete später ein Hotel und starb 1918 im Alter von 49 Jahren an der Spanischen Grippe.

 

Friedrich Trump
Friedrich Trump
Donald Trump
Donald Trump

 

Sein Enkel Donald Trump wurde durch Immobiliengeschäfte zum Milliardär und bewarb sich im Sommer 2015 als Republikaner zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2016.

 

Sein Wahlprogramm beinhaltete u.a. folgende Punkte:

 

- Abschiebung aller syrischen Flüchtlinge aus den Vereinigten Staaten und Ausweisung sämtlicher 11 Millionen illegaler Einwanderer.

 

- Bau einer durchgehenden Mauer zwischen den USA und Mexiko, für dessen Kosten die mexikanische Regierung aufzukommen hat.

 

- Beseitigung von Klimaschutz-Auflagen für amerikanische Firmen. Der Klimawandel sei kein drängendes, von Menschen gemachtes Problem, sondern ein natürliches Phänomen.

 

- Das Recht auf Waffenbesitz für alle US-Bürger. (Den strengen Waffengesetzen in Frankreich gab Trump eine Mitschuld an den hohen Opferzahlen der Terror-anschläge von Paris)

 

 


Als Witzfigur im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2016 geriet Donald Trump schnell wieder in Vergessenheit. Sein Vermögen verlor er ein Jahr später bei einem Börsencrash, wurde des Landes verwiesen und emigrierte zurück in die Pfalz nach Kallstadt, wo man ihm Asyl gewährte.  ;-)

 

So

27

Dez

2015

27. Dezember  -  Auswanderungsland

 

2015 stand Deutschland im Zeichen der Einwanderer, doch in der Vergangenheit war das nicht immer so, im 18. und besonders im 19. Jahrhundert zog es die Deutschen massenweise ins Ausland. Und das hatte weniger mit Fernweh oder Abenteuerlust zu tun, sondern eher mit Hunger, Krieg und politischer Verfolgung.

 

Die größten Auswanderungsströme hatte die Pfalz zu verzeichnen. Die Gründe dafür waren vielfältig und hatten ihren Ursprung hauptsächlich im 30-jährigen Krieg, als die Pfalz zunächst nahezu entvölkert wurde, bald nach dem Krieg aber schon wieder mit Massenzuwanderung zu kämpfen hatte.

 

Anfang des 18. Jahrhunderts setzte in der Pfalz die erste große Massenbewegung nach Übersee ein. Plündernde französische Heere, wirtschaftliche Not und die Unterdrückung der Bevölkerung durch deutsche Fürsten waren die Auslöser. Es waren der Ruf der Freiheit und die Versprechungen oft skrupelloser Schiffsunternehmer, die 1709 über 13.000 Pfälzer den Rhein hinunter lockten, wo für die ärmsten die Reise in Rotterdam schon beendet war. 

 

Die anderen wurden nach England verschifft, man versprach ihnen von dort eine kostenlose Überfahrt nach Nordamerika. Was jedoch folgte war ein monatelanger Aufenthalt in englischen Elendslagern, wo man der Masse an Flüchtlingen nicht gewachsen war. Die am wenigsten willkommenen Katholiken schickte man kurzerhand wieder in die Heimat zurück und ein großer Teil der protestantischen Pfälzer wurde aus politischen Motiven in Irland angesiedelt, wo die Bedingungen noch schlechter als in Deutschland waren.

 

Deutsche Auswanderer auf dem Weg nach Nordamerika.
Deutsche Auswanderer auf dem Weg nach Nordamerika.


Gut 2000 Flüchtlinge schafften es unter widrigsten Umständen in den Hafen von Philadelphia, während mehr als 800 bei der Fahrt über den Atlantik ihr Leben verloren. Die Reise der deutschen Emigranten ging von dort noch viele Monate weiter, bis sie sich schließlich in Pennsylvania niederließen und Frieden fanden. Zigtausende von Pfälzer sollten in den kommenden Jahrzehnten folgen und schon bald stellten sich erste Konflikte mit den englischen "Ureinwohnern" ein, die das Land für sich beanspruchten.

 

Benjamin Franklin schrieb dazu Folgendes:

"Warum sollen wir leiden, daß die Pfälzer Bauernlümmel sich um unsere Ansiedlungen drängen und, indem sie in Rudeln zusammenwohnen, ihre Sprache und Sitten befestigen zum Verderben der unsrigen. Warum soll Pennsylvanien, das von Engländern gegründet wurde, eine Kolonie von Fremdlingen werden, die bald so zahlreich sind, daß sie uns germanisieren, anstatt wir sie englisieren und die ja so wenig unsere Sprache und Gebräuche annehmen wie sie unsere Hautfarbe erlangen können."

 

Pennsylvania, Ziel vieler deutscher Auswanderer
Pennsylvania, Ziel vieler deutscher Auswanderer

 

Und Benjamin Franklin sollte Recht behalten, denn Pennsylvania wurde von den Deutschen bald ein Stempel aufgesetzt, der die Kultur dieses Landes nachhaltig beeinflusste und die immer zahlreicher werdenden Zuwanderer aus der Pfalz dachten zunächst nicht im Geringsten daran, die englische Kultur anzunehmen. Das Wort "Pfälzer" wurde in den englischen Kolonien schon bald zum Schimpfwort und zum Synonym für verarmte deutsche Flüchtlinge.

 

Do

24

Dez

2015

24. Dezember  -  Expo 2015

 

In der Vorweihnachtszeit gab es wieder unzählige Jahresrückblicke, nur leider hatte 2015 neben Skandalen, Terror, Krieg und Krisen nicht so viel zu bieten. Gott sei Dank gab es wenigstens etwas Positives von der Klimafront zu berichten, denn in Paris wurde nach fast einem Vierteljahrhundert zäher Verhandlungen endlich ein verbindlicher Klimavertrag unterzeichnet und sogar der Vatikan hatte im Juni festgestellt, dass es ernste Umweltprobleme gibt.

 

Aus Italien gab es aber noch mehr Erfreuliches zu berichten, wo in Mailand von Mai bis Oktober die Expo 2015 statt fand. Das Motto der Weltausstellung war "Den Planet ernähren, Energie für das Leben". Eine Freundin unserer Initiative hatte die Ausstellung besucht und zeigte uns ihre Fotos von den vielen interessanten Visionen und Konzepten für die Zukunft, die in Mailand vorgestellt wurden.

 

Expo 2015 in Mailand
Expo 2015 in Mailand

 
Beim Anblick der Fotos kamen natürlich all die Erinnerungen an die Expo 2000 in Hannover zurück, kaum zu glauben, dass seitdem schon wieder 15 Jahre vergangen sind. Auch an die damaligen Diskussionen über den Sinn und Unsinn solcher Großveranstaltungen erinnerten wir uns. Besonders die Grünen, allen voran Joschka Fischer, hatten ja damals gegen die Expo argumentiert. 

 

Lässt sich nach 15 Jahren vielleicht besser darüber urteilen? Was ist geblieben, außer ein schönes Messegelände, eine bessere Infrastruktur und ein aufpoliertes Image für Hannover? Hat die Expo irgendwelche Impulse für eine nachhaltigere Zukunft bewirkt? Die Antwort darauf dürfte nicht so leicht sein, es gab damals ja viele Projekte und Ideen, deren weitere Entwicklung man einzeln nachverfolgen müsste.

 

Von den Pavillions war wohl der Niederländische mit seinen "gestapelten Landschaften" der markanteste und einer der wenigen, der die Zeit überlebt hat (wenn auch nicht im besten Zustand). Vom Themenpark sind uns außerdem die "hängenden Gärten" in Erinnerung geblieben, die sich in einem künstlichen See spiegelten.

 

"Gestapelte Landschaften" auf der Expo 2000 in Hannover. Am Horizont sind auch gut die technischen "Errungenschaften" aus dem Gebiet des "Großen Freien" zu sehen.
"Gestapelte Landschaften" auf der Expo 2000 in Hannover. Am Horizont sind auch gut die technischen "Errungenschaften" aus dem Gebiet des "Großen Freien" zu sehen.

 

Die Bilder aus Mailand waren sehr ähnlich und hätten auch von der Expo 2000 stammen können: Pflanzen und Gärten überall und an den unmöglichsten Orten, an Wänden, auf Dächern, in Häusern (und bei der nächsten Expo in Kasachstan bestimmt auch auf Autos und Raketen). Am besten fanden wir das Bild von den Salatköpfen auf der Stahlkonstruktion, das besonders den Bauingenieuren unserer Saatgutinitiative gefiel. 

 


Das Motto der Expo 2015 in Mailand war: "Den Planet ernähren, Energie für das Leben"
Das Motto der Expo 2015 in Mailand war: "Den Planet ernähren, Energie für das Leben"

 

Aber Spaß beiseite, warum lässt man Pflanzen nicht einfach dort wo sie hingehören, nämlich in gesunder Erde? Gesunde Erde gehört wie Wasser und Luft zu den elementaren Notwendigkeiten von Flora und Fauna, zu denen auch der Mensch gehört. Und genau wie Wasser und Luft zählt gesunde Erde, sei es durch Verwüstung, Erosion oder Anreicherung von Giften aller Art, auch zu den bedrohtesten aller Ressourcen. Das komplexe Zusammenspiel von ca. einer Milliarde Kleinstlebewesen, die sich in einem einzigen Kubikzentimeter fruchtbarer Erde tummeln, ist weitestgehend unerforscht.

 

Die Zahl der Umweltprobleme ist seit der Expo 2000 wohl eher gestiegen als zurückgegangen, doch immerhin haben sich seitdem alle Weltausstellungen mit Umweltthemen beschäftigt und somit dazu beigetragen, dass die Natur wieder ins Bewusstsein der Menschen dringt. Und auf die Lösungsvorschläge zur Rettung der Welt, welche uns bei der Expo 2020 in Dubai präsentiert werden, darf man natürlich auch gespannt sein.

 

Der ganz große Wurf, der eine Erwähnung in zukünftigen Geschichtsbüchern wert wäre, war die Expo 2000 wahrscheinlich nicht. Aus der Sicht unserer Initiative war das allerdings kein Wunder, denn schließlich fand sie auf dem historischen Gebiet des "Kleinen Freien" statt, da darf man auch nicht allzu Großes erwarten. Hätte die Expo im "Großen Freien" stattgefunden, würden sich die Menschen aus aller Welt bestimmt heute noch davon erzählen.

 

Expo 2000 auf dem historischen Gebiet des "Kleinen Freien"
Expo 2000 auf dem historischen Gebiet des "Kleinen Freien"

Sa

19

Dez

2015

19. Dezember  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 5

 

Im Oktober fiel uns eine Gruppe junger, ausländischer Männer auf dem Gelände des Lehrter Bahnhofs auf, die scheinbar etwas suchten. Es sah zunächst so aus, als ob sie in dem angrenzenden Grünstreifen etwas verloren hätten. Doch dann wurde uns klar, was sie suchten und auch fanden, denn es waren die reifen Hagebutten, die dort überall an den Büschen hingen.

Der Anblick war ungewöhnlich, zwar sieht man heutzutage hin und wieder noch Menschen wild wachsende Äpfel pflücken oder bei der Ernte liegengebliebene Kartoffeln einsammeln, doch wirklich nötig hat das heute kaum noch jemand. Obst und Gemüse wird in den Supermärkten massenweise zu Billigstpreisen angeboten und scheint keinen nennenswerten Wert mehr zu besitzen. 

 

Die jungen Männer waren höchstwahrscheinlich Flüchtlinge und im Nachhinein schlich sich bei dem Gedanken an diese Szene ein beschämendes Gefühl ein. Hunger und Leid waren bisher immer weit weg, waren im Fernsehen quasi per Knopfdruck zu beseitigen und an die paar Obdachlosen zwischen Hauptbahnhof und Kröpcke in Hannover hat man sich schon von klein auf gewöhnt. Nun steht das Leid aus den weltweiten Kriegs- und Krisengebieten jedoch hier bei uns vor der Haustür, mitten in der Provinz.

 

Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: Süddeutsche Zeitung
Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: Süddeutsche Zeitung

 
In den ersten Jahren nach dem Ende des 2. Weltkriegs gehörte es auch in Lehrte zum alltäglichen Stadtbild, dass die Menschen alles was die Natur an Essbarem hergab ernteten. Lehrte war das Ziel oder der Zwischenhalt vieler Züge aus den ostdeutschen Gebieten, mit tausenden von Menschen, die alles verloren hatten und hier notgedrungen eine neue Heimat finden sollten.

 

Die Ortschaften im "Großen Freien" waren von Bomben weitestgehend verschont geblieben, in Lehrte und Sehnde gab es Dank der Bahnhöfe zahlreiche Industriebetriebe mit großem Arbeitskräftebedarf und auch durch die damals noch intakten kleinbäuerlichen Strukturen konnte eine große Menge an Menschen versorgt und in Arbeit und Lohn gebracht werden.

 

Willkommen waren die Neuankömmlinge damals genauso wenig, besonders auf den Dörfern waren sie lange Zeit eher Menschen zweiter Klasse, da konnte ihr "Gut" in Ostpreußen noch so groß gewesen sein. Doch schließlich waren es Landes- und Kulturgenossen, so dass die Integration früher oder später gelang.

 

  

Die Situation in der Gegenwart steht natürlich unter anderen Vorzeichen, besonders was die Unterschiede der Kulturen angeht. Sinnvoll wäre angesichts der globalen Probleme sicherlich, nicht auf das Trennende in den Kulturen, sondern auf Gemeinsamkeiten zu blicken. In der Praxis dürfte sich das aber leider als schwieriger erweisen, als es in der Nachkriegszeit war.

 

Genau wie 1945 war der Bahnhof in Lehrte übrigens auch im Jahr 2015 Zwischen- und Endstation vieler Flüchtlingszüge. Von hier wurden die Flüchtlinge, die zumeist in Bayern eingereist waren, auf ganz Norddeutschland verteilt. Lehrte erwies sich dabei, wegen seiner begrenzten Platzverhältnisse im Stadtzentrum, jedoch nicht als besonders geeigneter Verteilerbahnhof.

 

Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: HAZ
Flüchtlinge am Bahnhof Lehrte, Quelle: HAZ

Sa

12

Dez

2015

12. Dezember  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 4

 

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland allmählich ein Netz von Eisenbahnstrecken entstand, wurde den Menschen immer deutlicher, dass eine neue Zeit angebrochen war. Gehörten Fernreisen bis dahin weitgehend zum Privileg des Adels, waren sie fortan auch für bürgerliche Bevölkerungsgruppen möglich. Für einen wirtschaftlichen Betrieb war es sogar zwingend erforderlich, dass viele Menschen sich Fahrten mit der Bahn leisten konnten. Damit wurde sie auch ein Symbol der damaligen nationalen Demokratiebewegung, die mit der Revolution von 1848/49 ihren Höhepunkt erreichte.

 

Die Lok "Ernst August" wurde von der hannoverschen Maschinenfabrik Egestorff (später Hanomag) gebaut und fuhr in den 1840er Jahren zwischen Hildesheim und Celle.
Die Lok "Ernst August" wurde von der hannoverschen Maschinenfabrik Egestorff (später Hanomag) gebaut und fuhr in den 1840er Jahren zwischen Hildesheim und Celle.

  

Mit dem Scheitern der Revolution und der Niederschlagung der demokratischen Freiheitsbewegung gewannen die konservativen Kräfte und die Militärs der Königshäuser wieder die Oberhand. Mit dieser Entwicklung geriet neben der wirtschaftlichen auch die militärisch-strategische Bedeutung der Eisenbahn in den Fokus, so war es für zukünftige Kriege von entscheidender Bedeutung, wie schnell die Heere ihr Einsatzgebiet erreichten. Dieser Umstand wurde schon 1866 beim Deutsch-Deutschen Krieg der Preußen gegen Österreich deutlich, bei dem das mit Österreich verbündete Königreich Hannover an Preußen fiel und damit auch der Bahnhof in Lehrte. 

 

Mit größter Priorität wurde sogleich von preußischer Seite die Bahnstrecke zwischen Lehrte und Berlin vorangetrieben um eine schnelle Verbindung zu den preußischen Provinzen im Westen zu schaffen, die bereits 1871 fertiggestellt wurde. Diese Strecke war sowohl wirtschaftlich sehr bedeutsam, als auch für den Personenverkehr sehr wichtig, so dass der Bahnverkehr in Lehrte sprunghaft anstieg. Der zentrale Bahnübergang, welcher das alte Dorf Lehrte mit dem Bahnhof verband, war praktisch rund um die Uhr geschlossen, so dass eine Bahnunterführung unerlässlich wurde.


Für Preußen hatte diese Bahnstrecke auch eine große militärische Bedeutung, denn sie führte nah an die Grenze zum benachbarten Frankreich, das mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zum Erzfeind des 1871 gegründeten deutschen Kaiserreichs wurde.

 

Streckennetz der Eisenbahn im Königreich Hannover
Streckennetz der Eisenbahn im Königreich Hannover


Mit der Reichsgründung blühte die junge Eisenbahnerstadt Lehrte förmlich auf und zahlreiche Gebäude wurden in den 1870er und 80er Jahren erbaut, die noch heute an diese Gründerzeit erinnern und zumeist den patriotischen Geist des neuen Deutschen Kaiserreichs wieder spiegeln.

 

Lehrte entwickelte sich in den kommenden Jahren zum Magneten für moderne Industriezweige, so gründete der Preuße Hermann Manske 1882 die Zementfabrik Germania, dessen Unternehmen zum führenden deutschen Zementhersteller wurde. Neben der chemischen Industrie und dem Kalibergbau siedelte sich u.a. auch die Landwirtschaftsindustrie an, 1854 war bereits die erste Kunstdüngerfabrik Europas entstanden und 1883 begann die Zuckerfabrik Lehrte ihre Produktion, außerdem wurde Lehrte zum größten Viehumschlagplatz. Der Güterbahnhof in Lehrte wurde zu einem der wichtigsten in Norddeutschland und konnte seine Bedeutung bis heute weitestgehend bewahren.

 

1907 gründete Manske neben der Zementfabrik Germania in Lehrte auch die Zementfabrik Alemannia im benachbarten Höver. Das Bild entstand ca. drei Jahre später.
1907 gründete Manske neben der Zementfabrik Germania in Lehrte auch die Zementfabrik Alemannia im benachbarten Höver. Das Bild entstand ca. drei Jahre später.
Kaliwerk bei Lehrte
Kaliwerk bei Lehrte
Die Viehverkaufshalle musste später dem Ausbau der Zuckerfabrik weichen. Heute steht an dieser Stelle ein Baumarkt. Der angrenzende Wasserturm links im Bild blieb erhalten und ist heute ein Wahrzeichen Lehrtes.
Die Viehverkaufshalle musste später dem Ausbau der Zuckerfabrik weichen. Heute steht an dieser Stelle ein Baumarkt. Der angrenzende Wasserturm links im Bild blieb erhalten und ist heute ein Wahrzeichen Lehrtes.

 

Erst mit dem Bau weiterer Bahnstrecken durch Hannover sowie des 1879 fertiggestellten neuen Hauptbahnhofs in Hannover begann die Bedeutung des Standorts Lehrte wieder abzunehmen. Den größten Einschnitt brachten die massive Zerstörung von Bahnanlagen während des 2. Weltkriegs sowie die Abnahme des Personen- und Güterverkehrs Richtung Berlin im Zuge der deutschen Teilung.

 

Das Bild aus den 1950er Jahren zeigt den nördlichen Teil der Bahnkreuzung Lehrte mit Blickrichtung nach Norden. Im Gleisdreieck befindet sich das Bahnbetriebswerk, das später abgerissen wurde.
Das Bild aus den 1950er Jahren zeigt den nördlichen Teil der Bahnkreuzung Lehrte mit Blickrichtung nach Norden. Im Gleisdreieck befindet sich das Bahnbetriebswerk, das später abgerissen wurde.

So

06

Dez

2015

6. Dezember  -  Saatgutschatz aus Ulm

Anfang November erreichte uns eine Einladung aus Berlin von der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft zu einem Treffen verschiedener Saatgut-Initiativen und Organisationen, die sich mit der Erhaltung bedrohter Kulturpflanzen beschäftigen. Die Einladung ging auf die private Initiative von Markus Nussbaum aus Ulm zurück, der bei einer Haushaltsauflösung auf eine Kiste mit altem Saatgut gestoßen war. Es handelte sich überwiegend um Saatgut von historischen deutschen Gemüsesorten aus der Kaiserzeit bis zu den 1950er Jahren, das größtenteils noch original verpackt war. 

Im Haus der Ernährung in Berlin trafen sich Mitglieder folgender Organisationen: Netzwerk Pflanzensammlungen, Initiative "Save our Seeds", Informationsdienst Gentechnik, Bundessortenamt, Initiative "Das Große Freie" sowie Markus Nussbaum (3. von rechts)
Im Haus der Ernährung in Berlin trafen sich Mitglieder folgender Organisationen: Netzwerk Pflanzensammlungen, Initiative "Save our Seeds", Informationsdienst Gentechnik, Bundessortenamt, Initiative "Das Große Freie" sowie Markus Nussbaum (3. von rechts)

 

Die Reise lohnte sich, denn wir konnten einige neue Kontakte knüpfen und durften den Saatgutschatz von Herrn Nussbaum in Augenschein nehmen. Seine Absicht war es, das alte Saatgut in die Hände von Experten zu geben, um es auf eine evtl. noch vorhandene Keimfähigkeit und auf den historischen Wert hin prüfen zu lassen. Interessant waren u.a. auch alte Schriftstücke und Briefe, die den damaligen Handel mit dem Saatgut dokumentierten.

 

Nach längeren Gesprächen und Diskussionen waren sich die Anwesenden einig, dass eine noch vorhandene Keimfähigkeit sehr unwahrscheinlich sein dürfte, ganz ausschließen wollte es jedoch niemand. Ob die hierfür notwendigen Anbauversuche von Behördenseite oder von Initiativen durchgeführt werden sollen, wurde bei diesem Treffen noch nicht beschlossen. Über den besonderen kultur-historischen Wert dieses seltenen Fundes, war man sich aber einig. Dr. Spellerberg, der Leiter des Bundessortenamts, empfahl, die Päckchen zunächst fototechnisch zu erfassen, um sie ggf. auf der Webseite des Bundessortenamts zu veröffentlichen.

 

Die zum Teil schon über hundert Jahre alten und original verpackten Saatgutpäckchen aus Ulm
Die zum Teil schon über hundert Jahre alten und original verpackten Saatgutpäckchen aus Ulm

Di

01

Dez

2015

1. Dezember  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 3

 

Die Arbeiten zum Bau der ersten Eisenbahnstrecke im Königreich Hannover begannen am 18. Juli 1842 in Lehrte. Ein Jahr zuvor hatte König Ernst-August bekannt gegeben, dass die Städte Hannover und Braunschweig sowie Hildesheim und Celle durch eine Kreuzbahn miteinander verbunden werden sollten. Diesem gemeinschaftlichen Großprojekt der Hannoveraner mit dem Herzogtum Braunschweig waren langwierige Verhandlungen vorausgegangen und eine Einigung war nicht zuletzt wegen des Drängens aus Berlin zustande gekommen.

 

Der riesige Finanzbedarf von Bahnprojekten in dieser Zeit war auch die Geburts-stunde der modernen Aktiengesellschaften, für die es damals noch keine gesetzlichen Regelungen gab. Im Königreich Hannover fanden sich jedoch keine privaten Geldgeber und eine Unterstützung durch den Staat Preußen, der den Hannoveranern dieses anbot, kam für König Ernst-August nicht in Frage. So wurde das Vorhaben von einer staatlichen Eisenbahn-Kommission geplant und finanziert, die 1843 von der neu eingerichteten Eisenbahn-Direktion Hannover abgelöst wurde.

 

Der Bahnhof Lehrte im Jahr 1843
Der Bahnhof Lehrte im Jahr 1843
Das historische Bahnhofsgebäude heute
Das historische Bahnhofsgebäude heute

 

Mit Bahnkreuzungen dieser Art, wie man sie in Lehrte plante, hatte man zu dieser Zeit in Deutschland noch keine Erfahrung gemacht, so dass man Bahnspezialisten aus Belgien heranziehen musste. Den einzigen vergleichbaren Bahnknotenpunkt gab es nämlich in der belgischen Stadt Mechelen. Dort war sieben Jahre zuvor die Strecke zwischen Brüssel und Mechelen eröffnet worden, welche damals die erste Bahnverbindung für Personenzüge auf dem europäischen Festland war. 


Die für Lehrte zahlreich benötigten Arbeiter und Bahntechniker wurden in unmittelbarer Nähe zur geplanten Bahnkreuzung angesiedelt, zusammen mit allen erforderlichen Versorgungseinrichtungen. Für die alteingesessenen Einwohner des Dorfes Lehrte waren die vielen, fast ausschließlich männlichen, Neuankömmlinge keine willkommenen Gäste und man fürchtete sich zunehmend um die allgemeine Sicherheit. Dieser Sorge wurde mit der Einrichtung einer eigenen Lehrter Polizeiwache entgegengetreten, der ersten im Gebiet des "Großen Freien".

 

Historische Postkarte vom Bahnhof Lehrte
Historische Postkarte vom Bahnhof Lehrte


Um den neuen Bahnhof herum bildete sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eine neue Stadt und es siedelten sich viele Betriebe, wie z.B. aus der Zement-, Chemie- oder Kali-Industrie an, die für einen zusätzlichen Arbeitskräftebedarf sorgten. Zwischen altem Dorf und neuer Stadt herrschte fortan jedoch ein sehr gespanntes Verhältnis, das sich bis heute erhalten hat. Zwar wurde u.a. mit städtebaulichen Maßnahmen wie dem Bau der großen Matthäuskirche versucht, Dorf und Stadt miteinander zu versöhnen, das gelang jedoch nie ganz. 

 

Die 1876 errichtete Matthäuskirche, die das alte Dorf mit der neuen Stadt Lehrte verbindet, wurde von den alteingesessenen Bewohnern des Dorfes lange Zeit gemieden.
Die 1876 errichtete Matthäuskirche, die das alte Dorf mit der neuen Stadt Lehrte verbindet, wurde von den alteingesessenen Bewohnern des Dorfes lange Zeit gemieden.

 

Das Selbstverständnis der Stadt Lehrte speist sich heute praktisch nur noch aus ihrer Historie als Eisenbahner- und Industriestadt. Die Geschichte und die Pflege der Traditionen aus der Zeit des "Großen Freien" überlässt man heute hingegen fast vollständig den Ortschaften der Nachbarstadt Sehnde.

 

Do

26

Nov

2015

26. November  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 2

 

Wenn man vom „Lehrter Bahnhof“ spricht, muss erst gesagt werden, welchen man meint, denn außer dem Bahnhof in Lehrte, mit dem wir uns beschäftigen wollen, gibt oder gab es noch vier weitere Bahnhöfe in Berlin, die unter dieser Bezeichnung geführt werden. Der bekannteste von ihnen war der historische Vorgänger des heutigen Hauptbahnhof Berlins, der sich an gleicher Stelle befand und von 1868 bis 1951 der Ausgangspunkt der Berlin-Lehrter Eisenbahn war.

 

Auf dem Bild aus den 1920er Jahren sieht man in der Mitte den Lehrter Bahnhof. Auf der Rückseite der Bahnhofshalle befindet sich der Lehrter Stadtbahnhof, dessen Gleise senkrecht zu den Gleisen des Fernbahnhofs verlaufen.
Auf dem Bild aus den 1920er Jahren sieht man in der Mitte den Lehrter Bahnhof. Auf der Rückseite der Bahnhofshalle befindet sich der Lehrter Stadtbahnhof, dessen Gleise senkrecht zu den Gleisen des Fernbahnhofs verlaufen.

 

Im Jahr 1882 entstand mit der Berliner Stadtbahn, die die verschiedenen Kopfbahnhöfe Berlins miteinander verband, der Lehrter Stadtbahnhof in unmittelbarer Nähe zum Lehrter Fernbahnhof. Der Stadtbahnhof wurde später zum S-Bahnhof und die Berliner nannten ihn ab 1958 nur noch „Lehrter Bahnhof“, nachdem der Fernbahnhof aufgrund der irreparablen Kriegsschäden abgerissen wurde.

 

2002 musste dann auch der eigentlich unter Denkmalschutz stehende S-Bahnhof abgerissen werden, als die Bauarbeiten für den neuen Hauptbahnhof Berlin begannen. Über den Namen des neuen Zentralbahnhofs wurde lange Zeit gestritten, so sprachen sich die Berliner mehrheitlich für die offizielle Beibehaltung des Namens „Lehrter Bahnhof“ aus. Trotzdem entschied sich die Bahn für die Bezeichnung „Berlin

Hauptbahnhof“, um eine Verwirrung internationaler Reisegäste zu vermeiden,

wie man die Entscheidung damals begründete. Die betriebsinterne Bezeichnung bei

der Bahn lautet heute allerdings immer noch „Berlin Hauptbahnhof – Lehrter

Bahnhof“ und viele Berliner sprechen weiterhin vom „Lehrter Bahnhof“.

 

Der denkmalgeschützte Lehrter S-Bahnhof kurz vor seinem Abriss 2002. Im Hintergrund ist schon das Dach des neuen Berliner Hauptbahnhofs zu sehen.
Der denkmalgeschützte Lehrter S-Bahnhof kurz vor seinem Abriss 2002. Im Hintergrund ist schon das Dach des neuen Berliner Hauptbahnhofs zu sehen.
Über den Namen des neuen Berliner Hauptbahnhofs wurde lange diskutiert.
Über den Namen des neuen Berliner Hauptbahnhofs wurde lange diskutiert.

 

Es gab in Berlin allerdings noch einen weiteren „Lehrter Bahnhof“, nämlich im Stadtteil Spandau. Dieser wurde 1871 als Station der Berlin-Lehrter Eisenbahn eröffnet. Die Spandauer nannten ihn so, um ihn vom „Hamburger Bahnhof“ in Spandau zu unterscheiden. Dieser „Lehrter Bahnhof“ wurde aber schon 1890 wieder für den Personenverkehr geschlossen und trug seitdem nur noch die Bezeichnung „Spandau Güterbahnhof“. 

 

Fr

20

Nov

2015

20. November  -  Geschichte des Lehrter Bahnhofs, Teil 1

 

Die Geschichte der Eisenbahn beginnt in England mit der Erfindung der ersten Dampflokomotive 1804 und der ersten öffentlichen Eisenbahnstrecke 1825. Es folgten viele weitere Strecken, die schnell zu einem dichten Schienennetz führten. Einerseits schuf die Eisenbahn die infrastrukturellen Voraussetzungen für die Schwerindustrie, andererseits wurden für sie selbst riesige Materialmengen wie Eisen, Holz und Kohle aus derselben Industrie benötigt. So befeuerte die Eisenbahn ihren eigenen Erfolg und beschleunigte die in England zu dieser Zeit schon sehr

fortgeschrittene industrielle Revolution.

 

Eröffnung der ersten öffentlichen Eisenbahn in England im Jahr 1825
Eröffnung der ersten öffentlichen Eisenbahn in England im Jahr 1825

 

Die Machthaber der deutschen Kleinstaaten verfolgten die Entwicklung der Eisenbahn auf der Insel überwiegend skeptisch, zumal die meisten Staatskassen für die erforderlichen Großprojekte nicht ausgereicht hätten. Als die Warenimporte aus England jedoch günstiger zu werden drohten, als die in Deutschland hergestellten Güter, erwachten die Königshäuser aus ihrem Dornröschenschlaf und sie erkannten die Gefahr, eine zukunftsweisende Entwicklung zu verschlafen.

 

Auch im Königreich Hannover zögerte man lange mit der Realisierung erster Bahnstrecken. Erst durch das Drängen anderer Staaten, wie dem Herzogtum Braunschweig und besonders von preußischer Seite, wurden die ersten Projekte realisiert. Preußen hatte zu dieser Zeit kein zusammenhängendes Staatsgebiet, seit dem Wiener Kongress von 1815 hatte es u.a. die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz hinzugewonnen, was für Preußen eine große Bereicherung war. Besonders das Ruhrgebiet mit seinen Kohle- und Eisenerzvorkommen waren gerade für den beginnenden Eisenbahnbau sehr wichtig.

 

Das Königreich Hannover von 1815-1866
Das Königreich Hannover von 1815-1866

 

Das Ruhrgebiet und Berlin waren jedoch großflächig durch das Königreich Hannover getrennt, was für Preußen ein großes Ärgernis bedeutete und Hannover bereits beim nächsten Krieg 1866 zum Verhängnis wurde. Dem außenpolitischen Druck folgte man in Hannover 1843 mit der ersten Bahnstrecke zwischen Hannover und Lehrte, es folgten die Strecken Lehrte-Celle und Lehrte-Hildesheim. Dass die Wahl des Kreuzungspunktes dabei auf das kleine und völlig unbekannte Bauerndorf Lehrte fiel, war purer Zufall und ergab sich aus den Streckenführungen. Für Preußen und damit auch für das zukünftige Deutsche Reich, wurde Lehrte damit aber zu einem Ort von großer wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung.

 

Die Bahnstrecke von Berlin nach Köln über den Bahnknotenpunkt Lehrte im Jahr 1849
Die Bahnstrecke von Berlin nach Köln über den Bahnknotenpunkt Lehrte im Jahr 1849

Mo

09

Nov

2015

9. November  -  Bekannte und Bekanntes aus dem "Großen Freien"

 

Wenn man sich mit der Geschichte der Ortschaften aus dem "Großen Freien" beschäftigt, gibt es nicht viel, was von überregionaler Bedeutung wäre. Hinsichtlich bekannter Persönlichkeiten wären Ursula von der Leyen zu nennen, die lange Zeit im

Kernort des "Großen Freien", der Ortschaft Ilten, gewohnt hat und die ihre

politische Karriere im Stadtrat Sehnde begann. Auch Gerhard Schröder, viele Jahre wohnhaft in Lehrte und der prominenteste Gewinner dieses Wahlkreises, fallen uns sofort ein.

 

Aus kultureller Sicht ist an erster Stelle Kurt Hirschfeld zu nennen, der 1902 in Lehrte geboren wurde und wegen seiner jüdischen Abstammung während der Nazi-Herrschaft in die Schweiz emigrierte, wo er das deutschsprachige Theater bedeutend mitprägte und Direktor des Zürcher Schauspielhauses wurde. Außerdem erwähnenswert ist der Schriftsteller Ronald M. Schernikow, der in Lehrte aufwuchs und als bekennender Kommunist noch im September 1989 von West- nach Ost-Berlin übersiedelte. Mit 31 Jahren verstarb er 1991 sehr früh und hinterließ nur wenige, aber zum Teil sehr beachtete literarische Werke. 

 

Ursula von der Leyen bewirbt sich 2001 als Ortsbürgermeisterin für Sehnde-Ilten
Ursula von der Leyen bewirbt sich 2001 als Ortsbürgermeisterin für Sehnde-Ilten
Gerhard Schröder 1997 bei der Verleihung der Stadtrechte für Sehnde, damals noch als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen
Gerhard Schröder 1997 bei der Verleihung der Stadtrechte für Sehnde, damals noch als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen

  

Überregional bekannt ist sicher auch der Lehrter Bahnhof, der im 19. Jahrhundert  für das Königreich Hannover und auch für Preußen von großer wirtschaftlicher Bedeutung war. Nicht umsonst trägt der Berliner Hauptbahnhof heute immer noch die Nebenbezeichnung „Lehrter Bahnhof“.

 

Was für viele Menschen weniger bekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass ein Ort aus dem "Großen Freien" auf dem Gebiet der Saatzucht eine für ganz Deutschland, insbesondere für das alte westdeutsche Bundesgebiet, sehr wichtige Rolle gespielt hat. So wurde im Jahr 1954 in der Ortschaft Rethmar die Hauptstelle des Bundessortenamts gegründet. Von hier wurden lange Zeit die Zulassungen neu gezüchteter Kultursorten reglementiert und bestimmt, was auf den Feldern und in den Gärten wachsen durfte. Besonders in den 1950er und 60er Jahren wurde in Rethmar auf diesem Gebiet viel Pionierarbeit geleistet.

 

Das Bundessortenamt in Rethmar rechts unten auf der historischen Postkarte
Das Bundessortenamt in Rethmar rechts unten auf der historischen Postkarte

  

Die Hauptstelle des Bundessortenamts wurde 1980 nach Hannover verlegt und die Zweigstelle Rethmar wird Ende dieses Jahres für immer ihre Pforten schließen und sich dann in eine Flüchtlingsunterkunft verwandeln. Aus diesem Anlass werden wir die Geschichte des Bundessortenamts und seinen Einfluss auf die deutsche Sortenzüchtung bis zum Ende des Jahres etwas näher beleuchten.

 

Zunächst wenden wir uns ab dem nächsten Blog-Eintrag jedoch der Geschichte und Bedeutung des Lehrter Bahnhofs zu.

 

Sa

07

Nov

2015

7. November  -  JVA im "Großen Freien"

 

Im Zentrum des „Großen Freien“ befindet sich die Justizvollzugsanstalt Sehnde. Die meisten Menschen dort sind jedoch alles andere als frei, denn die JVA gehört zu den größten und modernsten Haftanstalten des Landes Niedersachsen. Mehr als 500 ausschließlich männliche Bewohner haben hier zumeist für längere Zeit eine Bleibe gefunden.  

 

JVA Sehnde, Foto: Neue Presse
JVA Sehnde, Foto: Neue Presse

  

Anfang der Woche wurde der mutmaßliche Brandstifter, über den wir beim letzten Blog-Eintrag berichteten, dort vorübergehend eingeliefert. Bei der Vernehmung durch die Polizei gestand das Mitglied der freiwilligen Feuerwehr mehrere weitere Brandstiftungen in den letzten Jahren. Das zündeln sei bei ihm zwanghaft, also ein Fall von Pyromanie.

 

Es handelt sich um einen uns bekannten Menschen, was uns sehr betroffen macht, auch weil niemand ihm zutrauen würde, selbst einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Laut seiner Aussage soll bei dem Anschlag von letzter Woche kein fremdenfeind-liches Motiv eine Rolle gespielt habe. Dass er aus purem Zufall ausgerechnet diese Haustür angesteckt hat, ist allerdings auch nicht leicht zu glauben.

 

Auch dieser Brand am 28. Februar in Haimar ging vermutlich auf das Konto des mutmaßlichen Brandstifters
Auch dieser Brand am 28. Februar in Haimar ging vermutlich auf das Konto des mutmaßlichen Brandstifters

  

Leider hat die Gewalt gegen Flüchtlinge in den letzten Wochen und Monaten im ganzen Bundesgebiet deutlich zugenommen. Die Berichte davon in den Zeitungen werden allerdings immer kleiner und seltener und von Empörung in der Bevölkerung gegen diese Gewalt hört man auch immer weniger, was vor einem Jahr bestimmt noch ganz anders gewesen wäre. Manch potentiellem, fremdenfeindlich-motiviertem Gewalttäter wird die sich ändernde Stimmung in der Bevölkerung nicht entgehen, was die Hemmschwelle zur Begehung weiterer Gewalttaten nicht heben dürfte.


Man mag sich kaum ausmalen, wie die Stimmung sich in einem weiteren Jahr verändern könnte, wenn die Flüchtlingsströme nicht kleiner werden. Die vielen ungelösten Konflikte weltweit lassen jedenfalls nichts Gutes erahnen und die Krisen und Kriege scheinen immer näher an Europa heranzurücken. Manche Länder haben ihre Grenzen bereits geschlossen und bald werden auch die Stimmen in Deutschland lauter und zahlreicher werden, dies zu tun. Wenn man Grenzen schließt, dann wird man auch bereit sein müssen, diese zu sichern, notfalls mit Gewalt. Wer weiß, vielleicht ist die Zukunft gar nicht so fern, in der Europa wieder zu einer Festung wird mit hohen Zäunen und Stacheldraht wie in Ungarn und Deutschland wieder zu einem Hochsicherheitstrakt, so ähnlich wie auf dem Bild oben von der JVA Sehnde.

Mo

02

Nov

2015

2. November  -  Brandstifter und geistige Brandstifter 

 

Eigentlich wollten wir heute von etwas sehr Positivem aus dem "Großen Freien" berichten, was durch ein Ereignis in der Nacht zum 1. November leider in einen dunklen Schatten gestellt wurde.

 

Vor einigen Tagen gab es in Evern, einem kleinen Dorf aus dem historischen Gebiet, eine Bürgerversammlung zu der aktuellen Flüchtlingssituation. Der Bürgermeister der Stadt Sehnde informierte die Einwohner über die schwierige Situation und warb u.a. um die Bereitstellung ungenutzter privater Unterkünfte.

 

Unter die Anwesenden hatten sich Mitglieder der AfD gemischt, die vermutlich aus Hannover angereist waren. Diese versuchten während der Veranstaltung für eine fremdenfeindliche Stimmung zu sorgen und den Bürgermeister mit provokanten Zwischenrufen in Bedrängnis zu bringen. Doch die Teilnehmer ließen sich nicht davon beirren und gaben den Leuten von der AfD in höflicher Weise zu verstehen, dass die Everner Bürgerinnen und Bürger sich sehr wohl ihr eigenes Bild von der aktuellen Lage machen können. Für Fremdenfeindlichkeit sei man in Evern jedenfalls nicht empfänglich.

 

Als die Nachricht von dieser Versammlung letzte Woche in den Zeitungen erschien, waren wir darüber sehr erfreut und es erfüllte uns auch ein wenig mit Stolz, von solch couragiertem Verhalten aus dem "Großen Freien" berichten zu können.

 

Einwohnerversammlung in Evern, Foto: HAZ
Einwohnerversammlung in Evern, Foto: HAZ

  

Gestern erreichte uns dann die Nachricht, dass es in dem Nachbarort Haimar, das ebenfalls zum Gebiet des "Großen Freien" gehört, den feigen Versuch eines Brandanschlags auf eine Flüchtlingsunterkunft gegeben hat. In dem Haus hielt sich zur Zeit des Anschlags eine Familie aus Montenegro mit ihrem Kind auf, so dass es leicht zu einer Katastrophe hätte kommen können. Der mutmaßliche Täter wurde noch in der Nacht gefasst, es soll sich um einen 43-jährigen Einwohner des Dorfes handeln.  

 

Fr

30

Okt

2015

30. Oktober  -  Vertriebene und Flüchtlinge im "Großen Freien"

 

Im Frühjahr dieses Jahres gab es im Regionalmuseum Sehnde, an dem wir mit unserer Saatgutinitiative beteiligt sind, eine Ausstellung zum Thema „Vertriebene und Flüchtlinge“. Die Ausstellung hatte die Flucht und Vertreibung während der Nachkriegszeit vor 70 Jahren zum Inhalt und obwohl sie erst ein halbes Jahr her ist, waren wir uns bei der Eröffnung über ihre Aktualität und den Bezug zur Gegenwart noch nicht bewusst.

 

In den vergangenen Monaten ist es jedoch, wie in vielen deutschen Städten und Kommunen, zum zentralen Diskussionsthema geworden, das kaum noch jemanden kalt lässt. Auch in den Ortschaften des „Großen Freien“ ist das zu spüren, in denen überdurchschnittlich viele Menschen leben, die selbst oder deren Eltern und Großeltern auf schmerzlichste Weise die Erfahrung von Flucht und Vertreibung erleben mussten. Vieles, was in den Gedanken der Betroffenen seit Jahrzehnten unterdrückt wurde, tritt nun wieder zu Tage.

 

Die Ausstellung "Vertriebene und Flüchtlinge" zeigte einen Flüchtlingswagen, dessen Fahrt 1945 im "Großen Freien" in der Ortschaft Haimar endete.
Die Ausstellung "Vertriebene und Flüchtlinge" zeigte einen Flüchtlingswagen, dessen Fahrt 1945 im "Großen Freien" in der Ortschaft Haimar endete.


Das Gebiet des „Großen Freien“ liegt vor den Toren Hannovers und führte bis in die 1930er Jahre hinein überwiegend ein von ländlicher Idylle geprägtes Dasein. Die Ortschaften Lehrte und Sehnde hatten sich durch ihre Bahnanschlüsse Mitte des 19. Jahrhunderts und der daraus resultierenden Industrieansiedlung schon bis zu dieser Zeit deutlich vergrößert. 

 

Lehrte im Jahr 1896: Der süd-östliche Teil besteht aus dem ursprünglichen Dorf Lehrte. Das Zentrum der schnell wachsenden neuen Stadt ist der im Jahr 1843 errichtete Bahnhof.
Lehrte im Jahr 1896: Der süd-östliche Teil besteht aus dem ursprünglichen Dorf Lehrte. Das Zentrum der schnell wachsenden neuen Stadt ist der im Jahr 1843 errichtete Bahnhof.

  

Durch den Zustrom der Flüchtlinge ab 1945 veränderte sich das Bild beider Ortschaften in wenigen Jahren beträchtlich, so verdoppelten sich die Einwohnerzahlen innerhalb von ca. zwei Jahrzehnten. Große Acker- und Weideflächen verwandelten sich in Neubaugebiete, so dass man den ehemals dörflichen Charakter beider Städte bald nur noch erahnen konnte. Heute gibt es in Lehrte und Sehnde wahrscheinlich deutlich mehr Menschen mit Migrations-hintergrund aus der damaligen Zeit als Einheimische.  

 

Sehnde im Jahr 1896: Der dörfliche Charakter der Ortschaft hat sich durch den Bahnhof noch nicht wesentlich verändert. Städtische Strukturen bilden sich erst langsam im Zuge des Kalibergbaus und der Zuwanderung während der Nachkriegszeit.
Sehnde im Jahr 1896: Der dörfliche Charakter der Ortschaft hat sich durch den Bahnhof noch nicht wesentlich verändert. Städtische Strukturen bilden sich erst langsam im Zuge des Kalibergbaus und der Zuwanderung während der Nachkriegszeit.

Sa

24

Okt

2015

24. Oktober  -  Flüchtlinge damals und heute

 

Die Samenkörner, die wir dieses Jahr vom „Roten Heinz“ geerntet haben, sind mittlerweile trocken, kühl und dunkel eingelagert und warten auf das nächste Frühjahr. Eigentlich sollte der Blog damit an dieser Stelle enden und erst nächstes Jahr mit der Aussaat wieder beginnen.

 

Seit Anfang April ließen wir den „Roten Heinz“ aber auch als Zeitzeugen über die Ereignisse vor 70 Jahren berichten, als diese Sorte noch sehr verbreitet war im Raum Hannover. Damals ging der 2.Weltkrieg zu Ende und die Hannoveraner erlebten mit dem Einmarsch der alliierten Truppen am 11. April die Stunde Null und den Beginn einer neuen Zeit.

 

Flüchtlinge 1945
Flüchtlinge 1945

 

Die größte Herausforderung, die es damals zu bewältigen galt, war der gewaltige Strom von Flüchtlingen aus den ostdeutschen Gebieten. Heute erleben wir eine ähnliche Flüchtlingswelle, welche mit der aus der Nachkriegszeit zahlen-mäßig vergleichbar werden könnte, wenn man die aktuellen Prognosen aus den Medien für die kommenden Jahre verfolgt.

 

Aufgrund dieser Parallelen zur Nachkriegszeit werden wir den Blog auch in den Wintermonaten fortsetzen, besonders im Hinblick auf die Versorgungslage der Flüchtlinge damals und heute.

 

Flüchtlinge in Slowenien im Oktober 2015
Flüchtlinge in Slowenien im Oktober 2015

So

18

Okt

2015

18. Oktober  -  Geschichte der Tomate - Teil 3

 

Es dauerte einige Jahre, bis sich in Europa die Aufregung über die Entdeckung des Paradieses in der neuen Welt gelegt hatte. In den Fürstenhäusern wurden die Mitbringsel der Seefahrer herumgereicht und bestaunt, dazu gehörten auch die neuen seltsamen Tomatengewächse. Bald durften sie in keinem adligen Gewächshaus mehr fehlen, wenn auch nur als Zierpflanze.

 

Auch die Botaniker fingen an sich mit der Tomate zu beschäftigen und fanden in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zahlreiche neue Bezeichnungen für die Pflanze, wie peruanischer Apfel, Wolfspfirsich oder Liebesapfel. Genauso vielfältig waren die Zuordnungen zu den damals bekannten Pflanzengattungen, schließlich gab es zu dieser Zeit noch kein einheitliches Klassifizierungssystem für Pflanzen und Tierarten, welches erst im 18. Jahrhundert durch den Schweden Carl von Linné eingeführt wurde. Zumindest war man sich einig, dass es ein Nachtschattengewächs war. 

 

Stillleben von Vincent van Gogh mit Makrelen, Zitronen und Tomaten aus dem Jahr 1886
Stillleben von Vincent van Gogh mit Makrelen, Zitronen und Tomaten aus dem Jahr 1886

 

Erste Hinweise auf die Nutzung von Tomaten als Nahrungsmittel finden sich in Kochbüchern des späten 16. Jahrhunderts. Es waren die Italiener, die sich als erstes trauten, Tomaten zu essen und sie fanden schnell vielfältige Verwendungs-möglichkeiten in ihrer mediterranen Küche. Aber auch in England gehörten Tomaten immerhin schon um das Jahr 1800 zum allgemeinen Küchenrepertoire. In Deutschland dauerte es noch etwa hundert Jahre bis Tomaten, ausgehend von den Wiener Märkten, sich ganz langsam in Richtung Norden verbreiteten. 

 

So

04

Okt

2015

4. Oktober  -  Tomaten aus Spanien

 

Allmählich geht die Erntezeit des „Roten Heinz“ zu Ende. In ein paar Wochen werden wir uns wieder mit Supermarkttomaten begnügen müssen, die im Winter fast ausschließlich aus Spanien stammen. Der Gemüseanbau in einer der niederschlags-ärmsten Region Europas wird aus ökologischer Sicht zunehmend zum Problem.

 

Etwa 70% der Landfläche Spaniens ist aufgrund des Wassermangels heute mehr oder weniger akut davon bedroht, sich in Wüstenlandschaft zu verwandeln. Für die besonders intensiv genutzten Küstenregionen müssen für die Pflanzenbewässerung und den Massentourismus gigantische Mengen an Trinkwasser aus dem Inland abgeleitet werden, welches wiederum der dort ansässigen Landwirtschaft und Bevölkerung fehlt.  

    

Die südspanische Provinz Almeria, aus der die meisten Supermarkttomaten kommen, ist großflächig von Folien- und Gewächshäusern bedeckt.
Die südspanische Provinz Almeria, aus der die meisten Supermarkttomaten kommen, ist großflächig von Folien- und Gewächshäusern bedeckt.

 

Für ein Kilogramm Tomaten werden über 180 Liter Trinkwasser verbraucht, was bei 160.000 Tonnen Tomaten, die jährlich von Spanien nach Deutschland geliefert werden, einen Wassertransfer von fast 30 Milliarden Litern von einem extrem wasserarmen zu einem sehr wasserreichen Land bedeutet.

 

In naher Zukunft wird sich an diesen Verhältnissen leider wenig ändern, denn die Landwirtschaft und der Tourismus sind für das finanziell stark angeschlagene Spanien zwei unentbehrliche Wirtschaftszweige. Die Verwüstung einer Landfläche ist

fatalerweise ein sehr nachhaltiger Vorgang und praktisch nicht rückgängig zu

machen. Am Ende dieser rasch fortschreitenden Entwicklung wird vermutlich ein Land stehen, das in weiten Teilen weder nutz- noch bewohnbar sein wird. Fragt sich nur, wo die 46 Millionen Spanier dann bleiben werden?    

 

Sa

19

Sep

2015

19. September  -  Saatguternte

 

Alte Gemüsesorten sind samenfest, aus den Früchten kann also Saatgut zur Weitervermehrung gewonnen werden. Das ist nicht schwer und es erübrigt sich damit ein teurer Neuerwerb im nächsten Jahr. Wenn man so über mehrere Jahre die Nachkommen einer Sorte erhält, hat das den positiven Effekt, dass die Pflanzen sich an die Umgebung und den Boden gewöhnen und sich mit der Zeit immer heimischer fühlen.

 

Auch beim "Roten Heinz" soll nun die Saatguternte erfolgen, idealerweise von den gesundesten und am besten gewachsenen Pflanzen, damit diese positiven Eigenschaften an die nächste Generation weitergegeben werden können. Auch sollten Tomaten dafür verwendet werden, die möglichst früh reif waren, wenn man im nächsten Jahr wieder früh ernten will.

 

Eine Tomate reicht dabei locker, um die ganze Nachbarschaft im nächsten Jahr mit Saatgut zu versorgen. Man schneidet die Tomate auf und schabt die Saatkörner mit einem kleinen Löffel heraus. Jedes einzelne Korn ist von einer gallertartigen, glitschigen Schicht umgeben, diese verhindert ein vorzeitiges Keimen in der Frucht. Um diese zu entfernen, eignet sich ein einfaches Gärungsverfahren in einem Glas. Man gibt ein wenig Wasser zu den Saatkörnern und eine Messerspitze Zucker und stellt das Glas ein bis zwei Tage an einen warmen Ort. Auf der Oberfläche kann sich dabei eine dünne Hefeschicht bilden, was nicht weiter schlimm ist.

    

 

Sobald sich die Keimschutzschicht abgebaut hat, was man mit einer Fingerprobe feststellen kann, füllt man kaltes Wasser hinzu, lässt die Körner zu Boden sinken und gießt das trübe Wasser ab. Diesen Vorgang wiederholt man solange, bis das Wasser klar bleibt. Danach muss das Saatgut schnell getrocknet werden, z.B.  auf einem Kaffeefilter, den man auf eine warme Fensterbank legt. 

   

Fr

04

Sep

2015

4. September  -  La Tomatina

 

Letzte Woche fand in der kleinen südspanischen Stadt Bunol die Tomatina statt, eine Art Volksfest, bei dem sich tausende von Menschen zu einer gigantischen Tomatenschlacht zusammenfinden. Die Tomatina findet einmal jährlich am letzten Mittwoch im August statt, um Punkt 11 Uhr Vormittags werden für die Dauer von einer Stunde tonnenweise überreife Tomaten aus der Region Valencia zur Verfügung gestellt.

 

Seit 2013 wird die Teilnehmerzahl zu diesem sinnfreien Spektakel auf 20.000 begrenzt, nachdem in den Jahren zuvor die 10.000-Einwohner-Stadt mit einem Besucheransturm von bis zu 40.000 Menschen jedes Mal im Chaos und in Tomatensoße zu versinken drohte.

   

  

Ihren Ursprung hatte die Tomatina in den 1940er Jahren, als sich ein paar Einwohner der Stadt wegen eines harmlosen Streits mit Tomaten beschmissen, über die Hintergründe dieser Ur-Tomatina gibt es jedoch keine genauen Überlieferungen mehr und es kursieren verschiedene Theorien darüber. Als sich in den darauf folgenden Jahren daraus ein alljährliches Ritual mit immer mehr Beteiligten entwickelte, gelangte der Spaß besonders bei den Hausbesitzern und der Stadtverwaltung an seine Grenzen.

 

Anfangs versuchte man es mit einem relativ erfolglosen Verbot, was dem zunehmenden Interesse aber keine Abhilfe verschaffte, so dass die Stadtverwaltung schließlich kapitulierte und 1959 das Verbot wieder aufhob. Im Laufe der Jahre wurden neben dem Spaß der Beteiligten auch die Vorteile für die bis dahin völlig unbekannte Kleinstadt Bunol deutlich, dessen Name allmählich in ganz Spanien bekannt wurde und zunehmend Touristen aus aller Welt anlockte.

 

Heute gibt es weltweit wohl nur noch wenige Nachrichtensender, die am letzten Mittwoch im August nicht von der Tomatina aus Bunol berichten. 

  

 

Vor 70 Jahren

 

Gegen Ende des Sommers 1945 gab es Hoffnung auf ein baldiges Abebben des gewaltigen Flüchtlingsstroms aus den ostdeutschen Gebieten, die sich mit dem Abschluss der Potsdamer Konferenz Anfang August jedoch nicht erfüllte. 

 

Schon zu Beginn der Konferenz wurden die gegensätzlichen und zum Teil unvereinbaren Positionen der Alliierten offensichtlich, besonders im Hinblick auf die Reparationen, die Deutschland leisten sollte.

 

Während die USA den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nicht mit zu hohen Reparationen behindern und damit aus den Fehlern des 1. Weltkriegs lernen wollten, verlangte Russland eine angemessene Entschädigung. Die Konferenz drohte wegen dieses Konflikts zu scheitern und man einigte sich schließlich darauf, dass jede Partei in der ihr zugeordneten Besatzungszone eigenmächtig über die Höhe der Entschädigungssummen entscheiden dürfe. Letztlich wurden durch diesen Kompromiss die Weichen für eine spätere Teilung Deutschlands gestellt.

  

Zudem offenbarte die Konferenz, dass die westlichen Alliierten gegen die bereits von Russland in Gang gebrachte Umsiedlung von Deutschen jenseits der Oder-Neiße-Linie keinen erheblichen Widerstand leisten würden. Aus der Umsiedlung wurde daraufhin eine gewaltsame Vertreibung der deutschen Bevölkerung, welche nun für die Verbrechen der Naziherrschaft mit hunderttausenden von Todesopfern und mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlen musste.

 

Die Folgen der Potsdamer Beschlüsse waren auch für Hannover beträchtlich, denn der wieder zunehmende Flüchtlingsstrom war für die Stadt praktisch nicht zu verkraften und eine hinreichende Versorgung der notleidenden Bevölkerung im kommenden Winter wurde immer unwahrscheinlicher. 

 

So

23

Aug

2015

23. August  -  Ernte

 

Seit einigen Wochen lässt sich der "Rote Heinz" reichlich ernten. In unserem Gewächshaus aber auch im Garten reiften die ersten Früchte bereits ab Mitte Juli und gehörten damit zu den frühesten Tomatensorten. Geschmacklich mag die hannoversche Sorte den einen oder anderen vielleicht etwas enttäuschen, da sie nicht zu den Tomaten mit einem besonders ausgeprägten Aroma gehört. Die Stärken des "Roten Heinz" liegen eher beim Ertrag, der Erntedauer und der Robustheit und genau das waren die Eigenschaften, die in der Nachkriegszeit gefragt waren. 

 

Während heutzutage Tomaten aus dem eigenen Garten bald nach der Ernte verzehrt werden, kochte man damals einen Großteil der Früchte ein, um sie im Winter für Suppen und Soßen verwenden zu können. Gemüse aus dem eigenen Garten ist heute eher eine willkommene und gesunde Abwechslung zum monotonen Supermarktangebot. Damals war eine reiche Ernte und die anschließende Konservierung sehr wichtig, denn niemand wusste, wie hart der nächste Winter werden würde.

  

"Roter Heinz"
"Roter Heinz"

 

Für die Menschen in der Nachkriegszeit waren die ersten reifen Früchte des "Roten Heinz" trotzdem ein hoher Genuss auf den man lange hatte warten müssen, denn das Frühjahr, als die meisten Wintervorräte verbraucht waren, war eine lange entbehrungsreiche Zeit. Ein Mann aus Kirchrode berichtete uns, dass seine Eltern den "Roten Heinz" seit Anfang der 1940er anbauten und er hatte den Geschmack dieser Sorte sehr angenehm in Erinnerung.

 

Der "Rote Heinz" ist ein gutes Beispiel dafür, wie alte Gemüsesorten uns etwas über vergangene Zeiten erzählen können. Allein schon aus diesem Grund sollte man diese lebendigen Zeitzeugen nicht aussterben lassen.


 

Vor 70 Jahren

 

Im August 1945 wurde mit dem Abwurf der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki deutlich, welche Kriegsfolgen auch für deutsche Städte möglich gewesen wären. Die Entwicklung der Bombe wurde Anfang der 1940er Jahre schließlich begonnen, weil die USA ein deutsches Atombombenprogramm befürchteten.

 

Nur der Kriegsverlauf verhinderte ein Abwerfen auf deutschem Gebiet und es gibt Vermutungen, dass die Fertigstellung der Bomben bei einer anderen Methode der Urananreicherung schon 1944 hätte erfolgen können. Angeblich gab es Pläne, die Bomben über Mannheim, Ludwigshafen oder Dresden zu zünden.

 

Hannover wäre natürlich auch ein mögliches Ziel gewesen, auch deshalb entwickelte sich hier in der Nachkriegszeit eine Solidarität zu den Menschen in Japan, besonders zu denen in der Stadt Hiroshima. Ausgehend von einem ersten Jugend-austauschprogramm 1968 wuchs über die Jahre eine enge Verbindung beider Städte, welche 1983 mit einer offiziellen Städtepartnerschaft besiegelt wurde. 


Der Hiroshima-Hain in Hannover. 110 japanische Kirschbäume erinnern an die 110.000 Todesopfer von Hiroshima am 6. August 1945
Der Hiroshima-Hain in Hannover. 110 japanische Kirschbäume erinnern an die 110.000 Todesopfer von Hiroshima am 6. August 1945


Maßgeblichen Anteil an dieser Partnerschaft hatte der im Jahre 2010 verstorbene Japaner Toshihiko Hayashi, der 1945 den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebt hatte. Hayashi war geschäftsführender Präsident der International Youth Association Hiroshima und hatte sich jahrzehntelang für die Verständigung der Jugend und der Erziehung zum Frieden engagiert. An seinen ersten Besuch in Hannover erinnerte er sich wie folgt:


 „Es war im Sommer 1968, als ich zum ersten Mal die Stadt Hannover besuchte; ich war sofort von dieser Stadt begeistert. Als ich jedoch zu meinem Erstaunen hörte, dass diese Stadt im 2. Weltkrieg zu 90% zerstört wurde, dachte ich sofort an Hiroshima. Wenn zwischen Hiroshima, der Stadt mit den vielen Flüssen, und Hannover, der Stadt im Grünen, zwei Städten mit einer ähnlichen Bevölkerungsstruktur und einer gleichen Kriegserfahrung, sich ein Austausch entwickeln könnte, wäre dies ein gutes Beispiel für den Frieden. Aus diesem Grund fasste ich den Entschluss, mich für die Intensivierung der Annäherung zwischen den Menschen in beiden Städten einzusetzen.“

 

Fr

24

Jul

2015

24. Juli  -  Geschichte der Tomate - Teil 2

 

Als die Spanier wahrscheinlich schon auf der ersten oder zweiten Kolumbusreise die Tomate entdeckten, erweckte dieses fremdartige Gewächs bei ihnen tiefstes Misstrauen. Ohne Zweifel musste es sich hierbei um ein Nachtschattengewächs handeln, was sie richtig erkannten.

 

In Europa waren Nachtschattengewächse wie Alraunen oder Tollkirschen bekannt und diese waren nicht nur giftig, sondern galten schlechthin als Inbegriff des "Bösen". Wer solche Pflanzen in seinem Garten hatte, konnte auch schon mal auf dem Scheiterhaufen landen, der im Laufe des 16. Jahrhunderts wieder sehr in Mode kam, obwohl in dieser Zeit das Mittelalter eigentlich vorbei war.

 

In ihrem Misstrauen bestätigt fühlten sich die Spanier, als sie sahen, welch niederträchtigen Dinge die Ureinwohner Amerikas mit den Früchten dieser Pflanze trieben. Bei Gesichtserkrankungen z.B. trugen sich die Azteken Gesichtsmasken aus Eidechsenkot, Ruß und Tomatensaft auf. Und nicht nur das, sie opferten sogar Menschen und verarbeiteten das Fleisch zusammen mit Chili und Tomaten zu deftigen Eintöpfen. Eine solch bösartige Kultur hatte es im Verständnis der damaligen Europäer wohl nicht anders verdient, als ausgelöscht zu werden.


Kolumbus entdeckt Amerika
Kolumbus entdeckt Amerika

 

Auf seiner dritten Reise (1498-1500) gelangte Kolumbus jedoch an ein südamerikanisches Küstengebiet, dessen Landschaft und Vegetation unbeschreiblich schön waren, genau wie dessen Einwohner, makellos und gesund. Kolumbus hatte wenig Zweifel, dass er soeben das Paradies entdeckt hatte. Bei seiner Rückkehr in Europa verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer auf dem ganzen Kontinent und man begriff, dass die Geschichte der Menschheit, wie sie in der heiligen Schrift niedergeschrieben stand, nicht länger den Tatsachen entsprechen konnte.

 

Bei dem Apfel aus der Bibel musste es sich natürlich um eine Tomate gehandelt haben, dessen Urform in dem gerade entdeckten Paradies überall zu finden war. Mit dieser Frucht erschien vieles einleuchtender, schließlich lockte sie mit verführerischer Schönheit, um das Opfer heimtückisch zu vergiften, wie man damals glaubte.

 

In vielen europäischen Ländern wurde die Tomate deshalb nicht nach ihrer aztekischen Bezeichnung "tomatl" benannt, sondern man gab ihr den Namen "Paradiesapfel", so z.B. in den von den Habsburgern regierten Ländern, wie Schlesien, Böhmen und Tirol.


Die Österreicher sagen deshalb heute noch "Paradeiser" und ließen sich das Recht zu der offiziellen Verwendung dieser Bezeichnung sogar von der EU verbriefen, allen europäischen Vereinheitlichungsbemühungen zum Trotz. Schließlich wird in Österreich großer Wert auf regionale Eigenarten und kulturelle Identität gelegt.


 

Vor 70 Jahren

 

Mit der Besetzung am 10. April durch die Alliierten kam auch das Sportgeschehen in Hannover gänzlich zum Erliegen. Es wurde ein generelles Vereinsverbot ausgesprochen, so dass u.a. auch der Fußballclub von 1896 aufgelöst werden musste.


Während des Kriegs wurde der Fußballbetrieb noch so gut es ging aufrechterhalten, so spielte Hannover 96 in der 1942 gegründeten Gauliga Südhannover-Braunschweig, welche zu den höchsten Spielklassen Deutschlands in der Endphase des Kriegs gehörte. Allerdings wurde sie von Eintracht Braunschweig dominiert, das sich 1943 und 1944 für die Teilnahme zur deutschen Meisterschaft qualifizierte.

 

Im August erfolgte die Neugründung des heutigen Hannoverschen Sportvereins von 1896, das erste offizielle Spiel wurde mit 6:1 gegen eine britische Militärauswahl gewonnen. Ein regulärer Spielbetrieb fand 1945 in weiten Teilen Niedersachsens zunächst nicht statt, mit Ausnahme der Oberliga Süd-Niedersachsen, die in etwa den Raum Hannover-Braunschweig-Hildesheim umfasste und weitestgehend der aufgelösten Gauliga Südhannover-Braunschweig entsprach. 

 

Vereinswappen 1905-1913
Vereinswappen 1905-1913
Vereinswappen 1913-1962
Vereinswappen 1913-1962

Das beste Team dieser Liga wurde wieder die Eintracht aus Braunschweig (genaue Bezeichnung nach dem Krieg: TSV Braunschweig), vor dem Wolfenbütteler SV, Hannover 96 und Arminia Hannover, welche sich alle für die Teilnahme an der Endrunde um die Norddeutsche Meisterschaft 1945/46 qualifizierten. Die Meisterschaft wurde 1946 jedoch im Viertelfinale von der Militärregierung abgebrochen, weil Sportveranstaltungen offiziell nur einen örtlichen Charakter haben durften und Meisterschaften somit zunächst nur auf Bezirksebene ausgetragen werden durften.

 

Erst in der folgenden Saison wurde in Niedersachsen wieder flächendeckend Fußball gespielt. In der neu gegründeten Oberliga-Süd behauptete sich wiederum die Mannschaft aus Braunschweig. Hannover 96 erreichte nur einen Platz im Mittelfeld und blieb sogar hinter den Mannschaften aus Linden und von Arminia Hannover zurück. Allerdings erhoben die "Roten" nach der Saison erfolgreich Einspruch gegen einige Spielwertungen, so dass sich die Mannschaft aus Linden doch nicht für die Nordmeisterschaft qualifizieren konnte.

 

Vereinswappen 1962-1968
Vereinswappen 1962-1968
Vereinswappen 1968-1974
Vereinswappen 1968-1974

Sa

11

Jul

2015

11. Juli  -  "Schwitzende" Tomatenpflanzen

 

Wie die meisten Pflanzen, können auch Tomaten hin und wieder ins Schwitzen geraten, es sammeln sich an den Blattspitzen dann viele kleine Wassertropfen. Dieser Vorgang ist allerdings weniger eine Reaktion auf zu viel Wärme, sondern hat mit dem Wasserhaushalt der Pflanze zu tun.

 

An den Unterseiten der Blätter gibt es viele kleine Öffnungen, die man Spaltöffnungen oder Stoma nennt. Über diese wird das für den Stoffwechsel der Pflanze benötigte Kohlendioxid aufgenommen und überschüssiger Sauerstoff an die Umwelt abgegeben.


Die Tomatenblätter "schwitzen"
Die Tomatenblätter "schwitzen"

 

Manchmal kommt es aber auch vor, dass Pflanzen zu viel Wasser enthalten. Das geschieht, wenn die Wurzeln weiter Wasser liefern, über die Blätter aufgrund fehlender Wärme aber nicht mehr genug verdunstet werden kann. Das überschüssige Wasser wird dann über die Spaltöffnungen nach außen transportiert, damit der Wasserdruck im Zellgewebe nicht zu groß wird. 

 

Dieser Vorgang des "Schwitzens" kann besonders im Herbst auftreten, meistens in der Nacht, wenn der Boden höhere Temperaturen aufweist als die Luft und diese dann nicht mehr so viel Feuchtigkeit aufnehmen kann. 


Ohne diesen Mechanismus würden Teile der Pflanzen bei bestimmten Umgebungs-verhältnissen förmlich zerplatzen.

  

 

Vor 70 Jahren

 

Im Juli wird zum ersten Mal ein Problem in den Akten erwähnt, das während der Nachkriegszeit noch bis zur Einführung der D-Mark zum Alltag gehören sollte. Es handelte sich um den zunehmend florierenden Schwarzmarkt, welcher sich besonders auf dem hannoverschen Bahnhofsvorplatz offenbarte.

 

Der Grund für die schnelle Entstehung des Schwarzmarktes lässt sich einfach erklären. Auf dem offiziellen "weißen" Markt gab es deutlich mehr Kaufkraft als Ware. Schon während des Kriegs wurde viel Erspartes Geld zur Seite gelegt, weil aufgrund von Rationierungen nicht alles ausgegeben werden konnte. Allerdings waren die von der Naziherrschaft auferlegten Strafen für illegale Geschäfte weitaus härter und abschreckender, als die der Besatzungsmächte. Außerdem führte die allgemein zunehmende Not zu einer abnehmenden Beachtung von Regeln und Gesetzen.

  

Polizeikontrollen vor dem Hauptbahnhof
Polizeikontrollen vor dem Hauptbahnhof

 

Der Hauptbahnhof entwickelte sich schnell zu einem überregionalen Zentrum des aufblühenden Schwarzmarktes, aber auch zu einem Anziehungspunkt für Obdachlosigkeit und Prostitution mit landesweitem Ruf. Den Behörden war dieser Zustand ein großer Dorn im Auge und sie reagierten mit der Durchführung zahlloser Razzien, welche in den folgenden Jahren immer mehr zum Alltagsbild des hannoverschen Bahnhofs gehörten. Wirkung zeigten diese hilflosen Maßnahmen allerdings kaum.

 

Sa

04

Jul

2015

04. Juli  -  Solanin

 

Im Vergleich zu anderen Sorten sind beim „Roten Heinz“ schon ziemlich viele Fruchtansätze zu sehen. Im grünen Zustand sind diese natürlich noch nicht genießbar und sogar giftig. Das liegt an dem Inhaltsstoff Solanin, der besonders bei Nachtschattengewächsen wie Tomaten und Kartoffeln vorkommt.

 

Allerdings müsste man schon über 1 kg grüne Tomaten essen, um erste Vergiftungserscheinungen, wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder Kratzen im Hals zu bekommen. 2 kg grüne Tomaten würden bei einer erwachsenen Person wahrscheinlich zum Tod führen.

 

 

Bei Kartoffeln kam es vor einigen Jahrzehnten noch häufiger zu Vergiftungen und sogar zu Todesfällen, weil die alten Kartoffelsorten deutlich mehr Solanin enthielten. Bei den modernen Kartoffelsorten wurde der Solaningehalt mittlerweile so heruntergezüchtet, dass Vergiftungen praktisch nicht mehr vorkommen. Damit es einem so richtig schlecht ginge, müsste man schon fast 3 kg rohe Kartoffeln essen.

  

 

Vor 70 Jahren

 

In den ersten Monaten der Nachkriegszeit war Hannover, abgesehen von den Militärfahrzeugen der Alliierten, praktisch eine autofreie Stadt. Für die wenigen noch funktionstüchtigen Autos gab es kein Benzin und sehr weit hätte man ohnehin nicht fahren dürfen, weil für alle Deutschen ein Reiseverbot galt.


So gab es auf den Straßen viel Platz zum Spielen und Hannoveraner dessen Kindheit in diese Zeit fiel, berichten nicht selten auch von positiven Erinnerungen. Im April und Mai sah man viele amerikanische Soldaten gemeinsam mit Kindern Fußball auf den Straßen spielen. Als dann den Engländern die Stadt überlassen wurde, waren solche Kontakte zwischen Alliierten und Einheimischen seltener zu beobachten.


  

Ein amerikanischer Soldat schenkt Kindern Schokolade
Ein amerikanischer Soldat schenkt Kindern Schokolade

 

Das Verkehrsmittel Nummer 1 war 1945 in Hannover, wie in fast allen deutschen Städten, das Fahrrad. Der Fahrradverkehr wurde sogar so stark und chaotisch, dass die englischen Besatzer die deutsche Stadtverwaltung anwiesen, für mehr Ordnung und Sicherheit auf hannoverschen Straßen zu sorgen, was jedoch keine leichte Aufgabe war.

 

 

So

28

Jun

2015

28. Juni  -  Hummeln

"Roter Heinz" nach 88 Tagen
"Roter Heinz" nach 88 Tagen

 

Der "Rote Heinz" steht mittlerweile in voller Blüte und hat zum Teil schon Früchte angesetzt. Die Blüten blühen 2-4 Tage und befruchten sich selbst, indem die Pollen bei leichter Erschütterung, z.B. verursacht durch Wind, auf die Blütennarbe fallen. Die Befruchtung kann künstlich verstärkt werden, wenn man die Pflanzen etwas schüttelt, was später zu einem höheren Fruchtertrag führt. Auch eine Fremdbefruchtung durch andere Pflanzen ist bei Tomaten möglich, kommt aber selten vor, so dass man unterschiedliche Tomatensorten ruhig nebeneinander im Garten platzieren kann.

  

 

In der Natur helfen besonders Hummeln bei der Bestäubung von Tomatenblüten. Durch die moderne Landwirtschaft, das Abmähen blühender Flächen, den Insektizid-Einsatz sowie den Anbau von Monokulturen sind gerade in ländlichen Gebieten leider immer mehr Hummelarten vom Aussterben bedroht. In vielen Gärtnereien ist es mittlerweile üblich, ganze Hummelvölker bei speziellen Insekt-Zuchtbetrieben zu bestellen und sich diese paketweise mit der Post senden zu lassen. 

   

Weil es nicht mehr genug Hummeln gibt, kommen die meisten Hummeln heutzutage mit der Post zu den Tomaten...
Weil es nicht mehr genug Hummeln gibt, kommen die meisten Hummeln heutzutage mit der Post zu den Tomaten...

 

Jeder Mensch kann etwas gegen das Hummelsterben tun, denn naturnahe und artenreiche Gärten tragen nicht nur zur Erhöhung der biologischen Vielfalt bei, sondern verbessern auch die Überlebenschancen vieler Hummelstaaten und selbst jeder blütenreiche Balkon bereichert das Nahrungsangebot der bedrohten Insekten.

  

 

Vor 70 Jahren

 

In den letzten Juniwochen stellte sich in Hannover an manchen Stellen wieder ein wenig Normalität ein. Es war der erste Sommer in Freiheit nach sechs langen Kriegsjahren. Besonders die letzten zwei Jahre des "totalen Kriegs" waren von vielen Entbehrungen und Verboten geprägt, Tanzveranstaltungen z.B. waren in dieser Zeit gänzlich verboten.

 

In dieser Hinsicht gab es besonders bei jungen Menschen sehr viel Nachholbedarf und sie genossen die ungewohnten Freiheiten, die sich nun boten. Überall in der Stadt, wo sich ein halbwegs erhaltenes Lokal mit einer Tanzdiele befand, das nicht ausschließlich für englische Soldaten öffnen durfte, wurde Samstagabend gefeiert und getanzt. Für ein paar Stunden konnte man so dem alltäglichen Elend entrinnen und für einen Abend die Erinnerungen an den Krieg und die Sorgen um die Zukunft vergessen. Getanzt wurde nach den bekannten deutschen Schlagern, aber auch die amerikanische Musik, die man über Radio Luxemburg empfing, konnte nun ungestraft genossen werden.

 

Die "Rote Mühle" in der Schmiedestraße gehörte zu den bekanntesten und größten Tanz- und Unterhaltungslokalen in Hannover. Während des Kriegs stark beschädigt, wurde es 1947 wiedereröffnet. Das Gebäude wurde 1971 abgerissen.
Die "Rote Mühle" in der Schmiedestraße gehörte zu den bekanntesten und größten Tanz- und Unterhaltungslokalen in Hannover. Während des Kriegs stark beschädigt, wurde es 1947 wiedereröffnet. Das Gebäude wurde 1971 abgerissen.

 

Besonders für die jüngeren Menschen gab es nun das Problem, dass sie das Tanzen gar nicht erlernt hatten, weil sie vor dem Krieg noch zu jung dafür waren. Besonders in den umliegenden Dörfern, wo die Gaststätten weitestgehend unversehrt geblieben waren, nutzten Tanzlehrerinnen die Gunst der Stunde und boten die ersten Tanzkurse an. Tanzschulen öffneten somit noch vor den regulären Schulen und die Kurse waren hoffnungslos überfüllt.

 

Sogar in einem Saal der hannoverschen Stadthalle wurden im Herbst Tanzkurse angeboten, wenn auch unter widrigen Umständen. Als es kälter wurde, musste z.B. jeder Teilnehmer ein Stück Holz zum Heizen mitbringen und zu den Abschlussbällen kamen viele Mädchen mit aus Stoffresten zusammengenähten Kleidern. Viele ältere Jungen hingegen kamen zumeist, weil sie nichts anderes besaßen, in ihren dunkel eingefärbten Wehrmachts-Uniformen. Die englische Militärregierung hatte das Einfärben sämtlicher Uniformen kurz nach der Befreiung der Stadt angeordnet. 

 

Sa

20

Jun

2015

20. Juni  -  Dünger

 

Die Monate Juni und Juli sind bei Tomaten die Hauptwachstumszeit, die Pflanzen haben nun einen erhöhten Nährstoffbedarf und sind dankbar für eine Düngung. Allerdings sollte es mit dem Düngen nicht übertrieben werden, weil ein Nährstoffüberschuss auch für Krankheitsbefall sorgen kann. Ein Einrollen der Blätter kann z.B. ein Zeichen für eine übermäßige Düngung sein.


Im Handel gibt es die verschiedensten Düngemittel, wie z.B. schnell wirkende Flüssigdünger, Depotdünger mit Langzeitwirkung, Zwei-Stufendünger, Düngestäbchen oder Düngedrops. Flüssigdünger, der idealerweise für den Bio-Anbau geeignet sein sollte, kann z.B. einmal wöchentlich dem Gießwasser zugeführt werden.


Der beste Dünger ist allerdings der, den die Natur kostenfrei zur Verfügung stellt. Für Tomatenpflanzen sind insbesondere Pflanzenjauchen gut geeignet, welche, wenn sie alle 3-4 Wochen gegeben werden, für ein gesundes und kräftiges Wachstum sorgen. Besonders Brennnessel- und Beinwelljauchen haben sich in der Praxis sehr gut bewährt, sind auf einfache Weise herzustellen und wirken zudem vorbeugend gegen Pilzbefall.


Herstellung einer Brennnesseljauche:

Ein Fass mit 10 Liter Wasser befüllen, ca. 1kg grob geschnittene Brennnesseln einrühren und das Fass an einen sonnigen Platz stellen. Die Jauche ein bis zwei Wochen lang durchgären lassen und täglich umrühren. Zum Abmildern der Geruchsbildung kann hin und wieder Gesteinsmehl beigemischt werden. 


Fertig ist die Jauche, wenn sie nicht mehr schäumt und eine dunkle Farbe angenommen hat. Zum Gießen wird sie im Verhältnis 1:10 mit Wasser vermischt. Außerdem kann sie zur Schädlingsbekämpfung auf Ober- und Unterseite der Blätter gesprüht werden. 


 

Vor 70 Jahren

 

Im Juni werden auf Anweisung der Engländer die ersten Straßenbahnen der Üstra wieder in Betrieb genommen, zunächst hauptsächlich die Außenlinien. Die Bahnen fuhren damals noch viel weiter ins Umland als heute, so dass auch Städte wie Burgwedel, Pattensen oder Sehnde an das Netz angeschlossen waren.

 

Wegen Strommangels fahren sie nur jeweils zwei Stunden, am Morgen von 6-8 Uhr und am Nachmittag von 16-18 Uhr und sind ausschließlich für die berufstätigen Pendler gedacht, welche sich für die Fahrten zudem einen Berechtigungsschein ausstellen lassen müssen.

 

Das Innenstadtnetz ist im Sommer größtenteils wieder in Stand gesetzt und die Fahrgastzahlen erreichen bereits Ende August fast das Niveau von 1938.  Zunehmend werden auch Güter mit der Straßenbahn transportiert, LKWs sind kaum vorhanden und falls doch, fehlt es dafür an Kraftstoffen. Sämtliche Anträge auf Benutzung eines Kraftfahrzeugs, egal ob für PKWs, LKWs oder Motorräder, müssen von Oberbürgermeister Bratke persönlich genehmigt werden.

 

Eine Anweisung der britischen Militärregierung stößt bei aller Untergebenheit der deutschen Stadtverwaltung jedoch auf Widerstand. Sämtliche Straßenbahnen sind rot anzustreichen! Scheinbar möchten die Briten das Rot ihrer heimatlichen Bahnen und Busse übertragen sehen. Die Deutschen halten diese Anweisung jedoch für schlechten britischen Humor, zumal es ihrer Meinung nach wichtigere Dinge zu tun gibt und die dafür notwendige Farbe gar nicht zur Verfügung steht. Schließlich kann den Briten diese Idee wieder ausgeredet werden.


   

Straßenbahnen der Üstra vor der stark beschädigten Stadthalle
Straßenbahnen der Üstra vor der stark beschädigten Stadthalle

Sa

13

Jun

2015

13. Juni  -  Wissenswertes über Tomaten

 

Wie gesund sind Tomaten?

 

Tomaten enthalten zahlreiche Vitamine, wie A, B1, C, E, Niacin, sowie wichtige Mineralstoffe wie Kalium, Magnesium, Calcium und Spurenelemente. 

 

Ein weiterer Bestandteil sind sekundäre Pflanzenstoffe. Diese Substanzen dienen der Pflanze z.B. als Abwehrstoff gegen Fraßfeinde oder als Schutz vor Sonnenstrahlung. Bei Tomaten gehören u.a. auch die Farb- und Aromastoffe zu diesen Sekundärverbindungen. Zu 95% bestehen Tomaten allerdings aus Wasser und sind deshalb sehr kalorienarm. 

 

Schützen Tomaten vor Krebs?

 

Der rote Farbstoff der Tomate, ein Carotinoid, heißt Lycopin. Wie die meisten Carotinoide ist Lycopin ein sogenannter Radikalfänger (Antioxidans), das heißt, es kann bestimmte reaktionsfreudige Moleküle aus dem Tomatenstoffwechsel unschädlich machen. In der Tomate schützt Lycopin das Erbgut vor der schädlichen ultravioletten Strahlung der Sonne.

 

Man vermutet, dass Lycopin durch seine antioxidative Wirkung bestimmte Krebsarten hemmen und gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen kann. Wissenschaftliche Studien konnten diesen Zusammenhang aber bisher noch nicht eindeutig belegen.

 

Rekorde rund um die Tomate

 

Der deutsche Durchschnittsbürger verzehrt im Jahr über 20kg Tomaten – mehr als von jedem anderen Gemüse.

 

3,5 kg soll die bisher schwerste Tomate gewogen haben

 

Fast 20 Meter maß die höchste Tomatenpflanze

 

1355 Tomaten trug die Pflanze mit den meisten Früchten

 


  

Woher stammen die Redewendungen "Treulose Tomate" und "Tomaten auf den Augen haben"?

 

Die erste Redewendung ist wahrscheinlich während des Ersten Weltkriegs entstanden. Italien, damals schon bekannt für seinen Tomatenkonsum, war zunächst ein Verbündeter Deutschlands, entschied sich jedoch 1915 für die Gegenseite. Aus deutscher Sicht ein Verrat, daher wird noch heute ein wortbrüchiger oder unzuverlässiger Mensch als "treulose Tomate" bezeichnet.

 

Die Herkunft von "Tomaten auf den Augen haben" ist nicht gesichert. Man vermutet, dass diese Wendung auf die geröteten Augen eines übermüdeten und daher unkonzentrierten Menschen anspielt. 

 

Einige Quellen berichten, dass der Spruch früher als Weckruf für Autofahrer benutzt wurde, die vor einer grünen Ampel standen. So als hätten diese noch das rote, runde (tomatenähnliche) Haltesignal vor Augen.

 

Im Internet sind auch Herleitungen zu finden, welche besagen, dass dieser Spruch auf die Kelten zurückzuführen sei, welche ihren Zeitgenossen mit Augenleiden zur Genesung Tomaten auf die Augen legten. Sehr zweifelhaft, denn die Kultur der Kelten wurde durch die Römer ca. 50 v. Chr. verdrängt und die ersten Tomaten kamen erst mit Kolumbus 1500 Jahre später nach Europa.

 

Dieses Beispiel zeigt, dass Informationen aus dem Internet oft mit Vorsicht zu genießen sind.


 

Vor 70 Jahren

 

Der britischen Militärregierung und der ihr unterstellten deutschen Stadtverwaltung kamen in diesen Wochen die ersten Zweifel über die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung im kommenden Winter. Jedes nutzbare Land, wie Rasenflächen in den Stadtparks oder öffentliche Blumenbeete wurden in Garten- und Ackerland umgewandelt, so auch große Teile der Herrenhäuser Gärten.

 

Die Planungen gestalteten sich insbesondere schwierig, weil niemand den genauen Umfang der kommenden Flüchtlingsströme vorhersagen konnte. Im Sommer folgte zudem eine katastrophale Rapsernte, welcher für die Fettversorgung im Winter von größter Bedeutung war.

 

Als im Herbst die Aussichten immer bedrohlicher wurden, wies man die britischen Besatzungsoffiziere an, die deutsche Bevölkerung mit Durchhalteparolen zu stärken. Dabei bediente man sich eines Vokabulars, das der Bevölkerung aus den Kriegsjahren vertraut war, so war zunehmend von einer kommenden "Winterschlacht" die Rede.

 

Der für Hannover und Braunschweig zuständige Wirtschaftsoffizier ließ Ende November keinen Zweifel am Ernst der Lage: "Diese Winterschlacht wird für tausende Deutscher tragisch enden".


Doch die englische Militärregierung machte der Bevölkerung auch unmissverständlich klar, dass sie selbst für diese Lage verantwortlich sei.

   

Sogar vor dem Brandenburger Tor wurde in der Nachkriegszeit Gemüse angebaut. Für Hannover war leider kein vergleichbares Bild zu finden.
Sogar vor dem Brandenburger Tor wurde in der Nachkriegszeit Gemüse angebaut. Für Hannover war leider kein vergleichbares Bild zu finden.

Sa

06

Jun

2015

6. Juni  -  Ausgeizen

 

Der "Rote Heinz" bildet wie die meisten Tomaten viele Seitentriebe, wenn man ihn lässt. Die Folge sind sehr buschige und in die Breite wachsende Pflanzen mit kleinen Früchten. Um das zu verhindern geizt man überschüssige Triebe aus, das heißt man entfernt sie, indem man sie einfach mit den Fingernägeln herausknippst. Beim Entfernen größerer Triebe sollte man darauf achten, dass der Pflanze keine größeren Wunden zugefügt werden, diese wären ein Eingangstor für Pilze.


Durch die entfernten Triebe werden die vorhandenen Nährstoffe zur Bildung größerer Früchte genutzt, so dass die Ernte größer ausfällt. Allerdings ist das Ausgeizen mit etwas Arbeit verbunden und sollte in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, weil die Pflanze ständig neue Seitentriebe bildet.


Die entfernten Triebe lassen sich wie Stecklinge wieder zur Bewurzelung in die Erde setzen, so dass sich schnell Ableger von den Tomatenpflanzen gewinnen lassen.

  

 

Vor 70 Jahren

 

Seit der Befreiung am 10. April war das kulturelle Leben in der Stadt völlig zusammengebrochen. Ab Juni gab es wieder erste Veranstaltungen, die jedoch von der britischen Militärregierung geprüft und freigegeben werden mussten. Zwar gab es ein Versammlungsverbot für Gruppen von mehr als zehn Personen, doch lag es auch im Interesse der Engländer, wieder Kultur stattfinden zu lassen.

 

Theateraufführungen waren zunächst noch untersagt, doch musikalische Veranstaltungen wurden zumeist genehmigt und waren auch von englischer Seite erwünscht. So begann man z.B. Ende Mai mit den Aufräumarbeiten in den Herrenhäuser Gärten durch deutsche Kriegsgefangene, so dass am 1. Juli wieder das erste Konzert im Galeriegebäude der Anlage stattfinden konnte und zehn Tage später an gleicher Stelle bereits die erste Oper. Auch der Ballhof sowie der Beethovensaal in der Stadthalle wurden für Veranstaltungen wieder hergerichtet. Außerdem wurden die ersten Kinos wiedereröffnet sowie das Capitol am schwarzen Bären mit der ersten deutschen Varietévorstellung. 

 

Postkarte vom Capitol-Hochhaus aus dem Jahr 1936
Postkarte vom Capitol-Hochhaus aus dem Jahr 1936

 

Über die kulturelle Zukunft Hannovers wurde zu dieser Zeit viel spekuliert. Es gab z.B. Gerüchte, dass viele Stätten wegen Geldmangel nicht wieder aufgebaut werden sollten und dass man kulturelle Einrichtungen, wie Theater oder Museen nach Hamburg verlegen, welches dann zum norddeutschen Kulturzentrum werden würde. 

 

Oberbürgermeister Bratke äußerte zu dieser Zeit die Überlegung, dass es später ein Land Niedersachsen geben könnte, in welchem auch die Stadt Bremen integriert werde und eine Landesregierung dann die städtischen Bühnen übernehme. 

Nicht Bremen, sondern Braunschweig wurde in das neue Land Niedersachsen eingeschlossen, ansonsten entsprach Bratkes Voraussicht aber der späteren Entwicklung.

 

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Sa

23

Mai

2015

23. Mai  -  Standortwahl

 

Am besten wachsen Tomaten an einem Ort mit viel Sonnenlicht, je mehr Licht desto besser. Optimal ist zum Beispiel ein Platz an einer südlich ausgerichteten Hauswand, so dass die Pflanze zur einen Seite geschützt ist und durch den Dachüberstand nur wenig Regen abbekommt. Die meisten Balkone sind deshalb gute Standorte.

 

Der "Rote Heinz" gedeiht sowohl im Freiland als auch im Topf sehr gut. Im Freiland besteht bei nasskalten Sommern jedoch die Gefahr von Braunfäule, deshalb sollte man die Pflanze vor zu viel Regen schützen, z.B. durch ein kleines Dach. Der Vorteil im Freiland besteht darin, dass man die Pflanzen kaum gießen muss. Die Wurzeln können sehr tief ins Erdreich vordringen und sich selbst mit der nötigen Feuchtigkeit versorgen, solange der Boden dafür geeignet ist.

 

Eine Topfhaltung hingegen bietet die Möglichkeit, dass bei schlechter Witterung der Standort gewechselt werden kann. Dafür muss die Pflanze regelmäßig mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden, dabei gilt die Regel: je größer der Topf, desto seltener muss gegossen werden. Kleiner als 30cm sollte der Durchmesser des Topfes deshalb nicht sein. Zum Düngen werde ich im Juni noch etwas schreiben, im Moment kann man damit noch sehr sparsam sein.

  

53 Tage alter "Roter Heinz"
53 Tage alter "Roter Heinz"

 

Vor 70 Jahren

 

In der letzten Woche wurde wieder deutlich, wie gegenwärtig die Folgen des 2. Weltkriegs noch immer sind, als über 30.000 Menschen in der Südstadt wegen einer Bombenentschärfung ihre Häuser verlassen mussten. Es war die größte Evakuierungsaktion in Hannover seit Kriegsende.

 

Als es zu Beginn des Krieges zu den ersten kleineren Luftangriffen auf Hannover kam, war das für viele noch eine Attraktion. Die Menschen pilgerten förmlich zu den wenigen Einschlagzielen und die Kinder suchten nach Bombensplitter, sammelten diese und tauschten sie untereinander aus.

 

Nach Kriegsende waren die Hinterlassenschaften der Bombenangriffe jedoch eine tödliche Gefahr. Besonders Kinder waren gefährdet, nicht wenige kamen in den ersten Nachkriegsjahren beim spielen in den Ruinen ums Leben oder verletzten sich schwer.

 

An dieser Gefahr hat sich bis heute nichts geändert. Noch immer sterben in Deutschland Menschen durch Blindgänger z.B. bei Baggerarbeiten oder bei Entschärfungen. 1973 explodierte in einer hannoverschen Gärtnerei sogar eine 5-Zentner-Bombe ohne äußere Einwirkung. Experten vermuten, dass ein Zeitzünder der Auslöser war, der 28 Jahre zu spät zündete.

 

Auf Hannover wurden etwa eine Million Bomben abgeworfen, von denen schätzungsweise 10 Prozent nicht explodierten. Wie viele sich davon noch immer in der Erde befinden, weiß niemand genau.

 

Die entschärfte Bombe nach der Bergung in der Südstadt
Die entschärfte Bombe nach der Bergung in der Südstadt
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Fr

15

Mai

2015

15. Mai  -  Eisheilige

 

Der 15. Mai ist der Namenstag der "Kalten Sophie" , er markiert das Ende der sogenannten "Eisheiligen". Eine alte Bauernregel besagt: "Vor Nachtfrost Du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist".

 

Außer ihr gibt es noch den "Mamertus" (11. Mai), den "Pankratius" (12.Mai), den "Servatius" (13. Mai) und den Bonifatius (14. Mai). Sie waren christliche Märtyrer aus dem 4. und 5. Jahrhundert, als das Christentum im alten Rom noch verboten war und sie wurden alle auf die eine oder andere Weise umgebracht.

 

Aufgrund der Umstellung auf den gregorianischen Kalender im 16. Jahrhundert warnen die Eisheiligen eigentlich eine Woche zu früh vor dem letzten Bodenfrost, diese Ungenauigkeit wird aber wahrscheinlich durch die Auswirkungen der Klimaerwärmung wieder korrigiert, so dass man die frostempfindlichen Pflanzen nun getrost auch nachts nach draußen stellen darf und man die Eisheiligen in 30 Jahren vermutlich auf Ende April verlegen wird.

 

Allerdings gibt es für diese Regel keine Garantie, denn bei den "Eisheiligen" handelt es sich nicht, wie viele glauben, um ein Wetterphänomen. Es ist allein eine Frage der Wahrscheinlichkeit und ab Mitte Mai geht diese halt gegen Null, was aber nicht heißt, dass es danach keinen Frost mehr geben kann.

 

Was Tomaten betrifft, sollte man wirklich vorsichtig sein, denn schon ein kurzer Bodenfrost kann die Pflanzen umbringen. Ihr Zellgewebe besteht größtenteils aus Wasser und wird bei Frost förmlich kaputtgesprengt.

  

Tomatenpflanze mit Frostschaden
Tomatenpflanze mit Frostschaden

 

Vor 70 Jahren

 

Für die Bevölkerung und die Wirtschaft des Landes waren die zerstörten Städte natürlich eine Katastrophe von historischem Ausmaß und es mag nicht viele Menschen gegeben haben, die dem etwas Gutes abgewinnen konnten. 

 

Zwei Berufsgruppen dürfte das kaputte Land aber wie ein Eldorado vorgekommen sein, nämlich Archäologen und Stadtplaner. Archäologen, weil es in den dicht bebauten Städten normalerweise selten die Gelegenheit gibt, an den besonders interessanten Stellen den Untergrund zu erforschen und Stadtplaner, weil sich ihnen unter normalen Umständen niemals die Möglichkeit bietet, eine komplette Stadt neu zu planen.

 

Der in Linden geborene Architekt und spätere Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht hatte das früh erkannt und befasste sich schon während des Kriegs mit der Planung des Wiederaufbaus deutscher Städte. Er war z.B. Mitglied im 1944 von Albert Speer gegründeten Wiederaufbaustab. Die Konzepte, die dabei in der Endphase des Kriegs erarbeitet wurden, holte man später wieder aus der Schublade und führte sie fort. Der Einfluss Hitlers dürfte dabei auch eine Rolle gespielt haben, da Albert Speer zu seinen engsten Vertrauten gehörte.

 

Rudolf Hillebrecht hatte maßgeblichen Anteil an der Planung des Neuaufbaus von Hannover. Unter ihm wurde Hannover zu einer Musterstadt des deutschen Wiederaufbaus, wobei er ausdrücklich die Bezeichnung "Neuaufbau" bevorzugte. Der Spiegel widmete ihm 1959 sogar einen Titelbericht mit der Überschrift "Das Wunder von Hannover", welcher besonders die zukunftsorientierte und autogerechte Verkehrsplanung hervorhob.

 

Ein Freund von Erhaltung historischer Bausubstanz war Hillebrecht allerdings nicht. Viele historische Gebäude, die den Krieg zum Teil schadlos überstanden hatten, wurden noch bis in die 70er Jahre hinein abgerissen.

 

Spiegel-Ausgabe aus dem Jahr 1959
Spiegel-Ausgabe aus dem Jahr 1959
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So

10

Mai

2015

10. Mai  -  Autos aus Tomaten

 

Werden aus mir, dem "Roten Heinz", bald Autos gebaut?

 

Was sich anhört wie ein Scherz, könnte tatsächlich bald Realität werden, wie man Pressemeldungen der amerikanischen Konzerne Ford und Heinz-Ketchup entnehmen kann.

 

So forschen beide Unternehmen bereits seit mehreren Jahren gemeinsam an einem zu hundert Prozent aus Pflanzen gewonnenen Kunststoff mit dem Ziel, ein stabiles und leichtes Material zu entwickeln, das sich z.B. für die Innenverkleidung von Fahrzeugen eignet.

 

Bei der Herstellung des berühmten Heinz-Ketchups fallen riesige Mengen Tomatenschalen, Samen und Stängel an, welche bisher als Bio-Abfall entsorgt werden müssen. Dieser könnte zukünftig für die Autoproduktion verwendet werden.

 

Die Nachhaltigkeit solcher Produkte muss sich allerdings noch erweisen, denn im Moment ist die Ökobilanz dieses Bioplastiks noch nicht besser als die von herkömmlichen Kunststoffen aus Erdöl. Außerdem stellt sich die Frage, auf welchen Flächen zukünftig noch Nahrungsgüter angebaut werden, wenn die Landwirtschaft zunehmend der Gewinnung von Energie und Rohstoffen für die Güterproduktion dienen soll.

  


Vor 70 Jahren


Während des Kriegs war die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln noch weitestgehend intakt. Es gab z.B. keine Hungerwinter, wie es sie im 1. Weltkrieg gegeben hatte.

 

Das lag hauptsächlich an den vielen Gebieten, die von der Wehrmacht besetzt waren und aus denen massenweise Lebensmittel annektiert und nach Deutschland geliefert wurden. Das ging natürlich auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung, die stattdessen hungern musste.

 

Nach Kriegsende änderte sich diese Situation aus mehreren Gründen sehr schnell. Die Lieferungen aus den besetzten Gebieten fielen weg, der Landwirtschaft standen keine Zwangsarbeiter mehr zur Verfügung und viele ehemalige deutsche Landarbeiter und Bauern waren im Krieg gefallen oder befanden sich noch in Gefangenschaft.

 

Ein weiterer Grund war das Chaos in der Verwaltung der befreiten deutschen Gebiete. Die Alliierten hatten große Probleme mit der Koordinierung der Lebensmittelverteilung, zudem kam es immer wieder zu Streit zwischen den verschiedenen Besatzungsmächten.

 

Hannover musste zusätzlich zu den vielen Heimkehrern auch besonders viele Flüchtlinge aus den ostdeutschen Gebieten aufnehmen, was die Lebensmittelsituation in der Stadt verschärfte.


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Di

05

Mai

2015

6. Mai  -  Geschichte der Tomate - Teil 1

 

Die Früchte meiner ältesten Vorfahren waren etwa so groß wie Johannisbeeren. Es waren Wildtomaten, die höchstwahrscheinlich in den Anden auf dem Gebiet des heutigen Chiles beheimatet waren und das Nahrungsangebot der Menschen bereicherten. 


Allmählich verbreiteten sich die Wildarten über ein größeres Gebiet der heutigen Länder Kolumbien, Bolivien und Peru. Die reichtragenden und widerstandsfähigen Urformen der Tomate wurden dann von den Mayas und Inkas ab ca. 200 v. Chr. in Kultur genommen.


Der erste Europäer, der eine Tomate zu sehen bekam, war Kolumbus. Die Pflanzenart hatte zu dieser Zeit schon etwa 1700 Jahre Kulturgeschichte verschiedener Hochkulturen hinter sich und hatte mit den Urformen wahrscheinlich nicht mehr viel gemeinsam.

  

 

Vor 70 Jahren

 

Am 6. Mai 1945 trafen sich in Hannover 130 ehemalige SPD-Mitglieder auf Einladung von Kurt Schumacher zu einer Zusammenkunft, die zur Keimzelle der westdeutschen Nachkriegs-SPD werden sollte.


In den Tagen zuvor wurde im Stadtteil Linden das "Büro Dr. Schumacher" eingerichtet, das zur inoffiziellen und zu dieser Zeit noch illegalen Parteizentrale der SPD wurde.


Kurt Schumacher gehörte schon seit den 20er Jahren zu den ärgsten Gegnern der NSDAP und musste den größten Teil der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft in Konzentrationslager verbringen. Doch Zwangsarbeit und Misshandlungen hatten Schumacher, der bereits im 1. Weltkrieg einen Arm verloren hatte, nicht brechen können.


Schumacher begann noch vor der Kapitulation am 8. Mai mit der Organisation des Wiederaufbaus der SPD und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1952 Vorsitzender der Partei.

 

Kurt Schumacher bei einer SPD-Kundgebung
Kurt Schumacher bei einer SPD-Kundgebung
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So

03

Mai

2015

3. Mai  -  Sortenvielfalt

"Roter Heinz" am 3. Mai
"Roter Heinz" am 3. Mai

 

Kaum eine Gemüsesorte gibt es, die so vielfältige Eigenschaften aufweist, wie die Tomate. Schätzungen gehen von bis zu 10.000 verschiedenen Tomatensorten weltweit aus.

 

Es gibt sie in allen erdenklichen Farben und Formen, wobei man bei den Formen folgende Kategorien unterscheidet:

Rundtomaten, Fleischtomaten, Flaschentomaten, Paprikatomaten, Eiertomaten, Cocktailtomaten, Wildtomaten.

 

Ein Grund für die Sortenvielfalt ist die sehr gute Anpassungsfähigkeit. Tomaten gedeihen auf unterschiedlichsten Böden und gewöhnen sich schnell an neue klimatische Bedingungen. Dabei können sich die Eigenarten der Pflanze leicht verändern und an folgende Generationen weitergegeben werden, so dass durch gezielte Selektierung schnell neue Sorten entstehen können.

 

Doch diese, durch die Kultivierung der Menschen über viele Jahrhunderte entstandene Vielfalt, ist wegen der industrialisierten Landwirtschaft stark gefährdet und könnte schnell der Vergangenheit angehören, wenn nichts unternommen wird.

 

Ein Großteil der noch vor einigen Jahrzehnten vorhandenen Sorten ist bereits unwiederbringlich verloren gegangen.

  

Sortenvielfalt bei Tomaten
Sortenvielfalt bei Tomaten

 

Vor 70 Jahren

 

Ende April 1945 meldet sich bei der englischen Militärregierung in Hannover ein 25-jähriger russischer Hauptmann, der als Kriegsgefangener u.a. im Lager Ahlem interniert war. Sein Name ist Peter Palnikow, er berichtet den Engländern von Geschehnissen des 6. April und führt sie zu einem Ort auf dem Seelhorster Friedhof. 

 

Die Engländer sind erschüttert: Man entdeckt dort hunderte von den Nazis umgebrachter und verscharrter Menschen, die aus hannoverschen Arbeitslagern stammten. Peter Palnikow sollte am 6. April zusammen mit 154 zumeist polnischen und russischen Gefangenen erschossen werden. Als einziger konnte er diesem Massaker entfliehen.

 

Die englische Regierung beschließt, alle Leichen von Nazis exhumieren und sie an zentraler Stelle in der Stadt in würdigen Einzelgräbern beerdigen zu lassen. Als letzte Ruhestätte wählt man einen Ort am Nordufer des Maschsees, an dem die Toten am 2. Mai überführt und begraben werden. Noch 1945 wird an dieser Stelle eine Gedenkstätte eingerichtet, die den Hannoveranern als bleibendes Mahnmal dienen sollte.

 

Überführung der Leichen am 2. Mai 1945 auf der Hildesheimer Straße
Überführung der Leichen am 2. Mai 1945 auf der Hildesheimer Straße

 

In den 50er und 60er Jahren, die von Verdrängung der Kriegsgeschehnisse geprägt waren, wurde der Friedhof am Maschsee für die Hannoveraner zunehmend ein Dorn im Auge. In der Stadtverwaltung bezeichnete man den Ort zumeist als "Russenfriedhof" und im Laufe der Jahre bekam der Friedhof eher einen parkähnlichen Charakter mit großer Rasenfläche und ohne Markierung der Einzelgräber.


Erst in den 70er Jahren besann man sich auf die Bedeutung dieser Stätte, die seitdem von verschiedenen Initiativen betreut und mit regelmäßigen Aktionen gewürdigt wird, so dass die Verbrechen hoffentlich niemals in Vergessenheit geraten werden. 

 

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Do

30

Apr

2015

30. April  -  Fotosynthese

 

Tomaten lieben Sonnenlicht, je mehr desto besser, denn sie sind Meister im Betreiben der Fotosynthese. Fotosynthese ist der älteste und wichtigste biochemische Prozess auf der Erde. Ohne sie, wäre kein Leben möglich. 

 

Bis vor ca. 4,5 Milliarden Jahren bestand die Erdatmosphäre noch aus sehr lebensfeindlichen Gasen, wie Wasserstoff, Ammoniak oder Methan. Erst als sich die ersten Bakterienformen und Algen entwickelten, die in der Lage waren Fotosynthese zu betreiben, wurde die Voraussetzung für alles weitere Leben geschaffen.

 


 

 

Bei der Fotosynthese werden das Gas Kohlenstoffdioxid und Wasser in Traubenzucker umgewandelt. Die Energie für diesen Prozess gewinnt die Pflanze aus dem Sonnenlicht. Der Traubenzucker wird später u.a. in Stärke umgewandelt, die für Pflanzen ein elementarer Baustoff ist.

 

In den Blättern befindet sich der Stoff Chlorophyll, der das Licht absorbiert und für die grüne Farbe von Pflanzen sorgt.

 

Ein Abfallprodukt dieses Prozesses ist Sauerstoff, welches die Pflanze zum Leben nicht benötigt. Es entweicht an kleinen Öffnungen auf der Blattunterseite und ist quasi das Abgas der Pflanze. 

 

 

Vor 70 Jahren

 

In Hannover wurden während des 2. Weltkriegs ca. 60.000 Männer und Frauen aus fast allen Teilen Europas zur Zwangsarbeit gezwungen. Im ganzen Stadtgebiet gab es ca. 500 Arbeits- und sieben Konzentrationslager. 1944 waren über 40% aller Arbeitskräfte in hannoverschen Unternehmen Häftlinge oder Zwangsarbeiter, was einen überdurchschnittlich hohen Anteil im Vergleich zu anderen deutschen Städten darstellte. Die meisten Zwangsarbeiter kamen aus Polen, der Ukraine und Russland.

 

Als die Gefangenen am 10. April freikamen, konnten die meisten von Ihnen nicht sogleich zurück in ihre Heimat reisen, was insbesondere für die Menschen aus Osteuropa galt. Viele dieser "Displaced Persons", wie sie damals genannt wurden, blieben noch Wochen, Monate und Jahre, manche sogar ganz.

 

Befreiung des KZ Ahlem
Befreiung des KZ Ahlem

 

Die Verbrechen der Deutschen besonders an Polen und Russen rächten sich nun. Genauso wie deren Menschenrechte von Deutschen jahrelang mit Füßen getreten wurden, nahmen viele befreite Zwangsarbeiter nun keine Rücksicht auf die hannoversche Bevölkerung. Raub und Mord überschatteten den Alltag, was die Stadt noch für viele Monate in Angst und Schrecken versetzte, besonders bei Nacht. 

 

Zwar wurden schon bald wieder deutsche Hilfspolizisten eingesetzt, welche jedoch nur mit Knüppeln bewaffnet und ohne jegliche Machtbefugnis ausgestattet waren. Die englische Besatzung sah den Polizeidienst nicht in ihrer Zuständigkeit, zögerte jedoch lange, den deutschen Polizisten wieder das Tragen von Schusswaffen zu gestatten, weil sie dadurch eher eine Eskalation der Gewalt und die Wut der befreiten Zwangsarbeiter befürchtete.

 

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So

26

Apr

2015

26. April  -  Umtopfen

 

Das sonnige und warme Wetter in den letzten Tagen hat für einen kräftigen Wachstumsschub der Pflanze gesorgt. Es sind auch ein paar neue Laubblätter hinzugekommen. 

 

Sobald die Wurzeln an den Rand des Blumentopfes stoßen, sollte die Jungpflanze in einen deutlich größeren Topf gesetzt werden. Die Erde darf nun schon etwas Dünger enthalten, aber noch nicht zu viel. Geeignet ist ein Gemisch aus Anzucht- und Blumenerde, bei gekaufter Erde natürlich besser Bio-Blumenerde, die es schon in vielen Baumärkten gibt.

   

Bei Verwendung von Torftöpfen kann die Pflanze mitsamt des Topfes umgepflanzt werden.
Bei Verwendung von Torftöpfen kann die Pflanze mitsamt des Topfes umgepflanzt werden.

 

Es ist sinnvoll, die Pflanze bis zu den Keimblättern in die Erde zu setzen. Das erhöht die Stabilität und sorgt für die Bildung neuer Wurzeln, sogenannter Adventivwurzeln.

Die Erde muss immer gut feucht gehalten werden, weil die Pflanze Trockenheit in dieser frühen Wachstumsphase schlecht vertragen würde.

 

Für die Aufzucht nach dem Umtopfen sollte die Temperatur etwas niedriger bei ca. 18°C liegen, da die Pflanzen sonst vergeilen, d.h. in die Höhe schießen, wobei der Stängel an Stabilität einbüßt. Dabei spielt allerdings das Verhältnis von Licht und Wärme eine wichtige Rolle. Wenn die Pflanze genügend Licht bekommt, wie z.B. in einem Gewächshaus, verträgt sie auch mehr Wärme.


Auf Fensterbänken ist es oftmals nicht hell genug, dafür aber sehr warm. Die Pflanzen strecken sich dann in die Länge und suchen förmlich nach mehr Licht. Wenn also im Haus nicht für mehr Licht gesorgt werden kann, ist es besser die Pflanze an einen kühleren Ort zu stellen.

  

Die Keimblätter schauen gerade so aus der Erde.
Die Keimblätter schauen gerade so aus der Erde.

 

Vor 70 Jahren

 

In diesen Tagen traf der britische Kriegsberichterstatter Leonard O. Mosley in Hannover ein und hielt schriftlich folgendes fest:

"Hannover sieht abweisender und wüster aus als jede andere Stadt im besetzten Deutschland, die ich gesehen habe."

 

Mosley war vor dem Krieg in Hannover gewesen und hatte die Stadt in angenehmer Erinnerung. Jetzt versucht er, sich in den Trümmern zurecht zu finden, doch es gelingt ihm nicht.

 

"Nirgends erkenne ich irgendwelche mir bekannten Einzelheiten wieder, bis ich endlich auf dieser Fahrt durch die Stadt ein Wahrzeichen entdecke, das mir vertraut ist, den Hauptbahnhof. Und in der entgegengesetzten Richtung sehe ich über eine weite Leere hinweg die große grüne Kuppel des neuen Rathauses."

 

Selbst vielen Hannoveranern erging es zu dieser Zeit ähnlich, besonders denen, die nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt waren. Sie verliefen sich nicht selten in der unwirklichen Ruinenstadt und mussten sich an den wenigen erhalten gebliebenen Gebäuden orientieren. 

 

Modell der Stadt bei Kriegsende im Neuen Rathaus
Modell der Stadt bei Kriegsende im Neuen Rathaus
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Mi

22

Apr

2015

22. April  -  Potential eines Samenkorns

 

In einem winzigen Samenkorn sind sämtliche Informationen enthalten, die die spätere Pflanze ausmachen: Die Größe der Pflanze, die Form der Blätter, die Farbe der Blüten, der Geschmack der Früchte und vieles mehr.

 

Genauso erstaunlich ist das Vermehrungspotenzial eines einzigen Samenkorns. Angenommen eine Tomate enthält ca. 50 Samenkörner und von einer Pflanze erntet man 20 Tomaten für die Saatguterzeugung, dann ließe sich daraus nach einem Jahr immerhin Saatgut für 1000 Pflanzen gewinnen und nach dem zweiten bereits für 1 Million. Nach dem dritten Jahr hätte man eine Milliarde Samenkörner und könnte damit fast für jede Familie auf der Erde eine Tomatenpflanze säen.

 
Und diese Rechnung ist eher bescheiden, denn von mir, dem "Roten Heinz", lassen sich deutlich mehr als 20 Tomaten pro Jahr ernten.

  

 

Vor 70 Jahren

 

Bereits am 11. April, dem ersten Tag nach der Befreiung Hannovers, wurde ein Ausschuss zum Wiederaufbau der Stadt gegründet, die zu dieser Zeit hauptsächlich aus Trümmern bestand. Mehr als neun Jahre sollte es dauern, die ca. 7,5 Millionen Tonnen Schutt aus dem Stadtgebiet zu beseitigen.

 

In den ersten Wochen war es zunächst wichtiger, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen und man begnügte sich damit, die Verkehrswege vom Schutt zu befreien. Als später damit begonnen wurde, die Trümmer aus der Innenstadt zu transportieren, hatte man noch keine endgültigen Lagerstätten für die gewaltigen Massen. Also errichtete man auf zahlreichen Freiflächen Zwischenlager, auf denen sich riesige Trümmerberge auftürmten.

 

In den kommenden Jahren, als die Planung für den Wiederaufbau voranschritt, wurde das Material als Unterbau für größere Bauvorhaben verwendet. Den größten Anteil hatte dabei das Niedersachsenstadion, aber auch beim Bau des Messe- und  Südschnellwegs wurden große Mengen an Schutt verbaut.

 

 

Trümmerfrauen bei der Errichtung des Niedersachsenstadions
Trümmerfrauen bei der Errichtung des Niedersachsenstadions
Das Stadion nach der Fertigstellung 1954
Das Stadion nach der Fertigstellung 1954
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Sa

18

Apr

2015

18. April  -  Erste Laubblätter

 

Allmählich entwickeln sich bei den meisten Keimlingen die ersten richtigen Blätter, die auch Laubblätter genannt werden. 

 

Anhand der Keimblätter wäre es bisher noch recht schwierig gewesen, die Pflanzenart zu erraten, zu der ich gehöre. Die kleinen Laubblätter, mit ihrer typischen gezackten Form, lassen aber schon bald erahnen, dass es sich bei mir um eine Tomatenpflanze handeln muss.

 

Von nun an besitze ich alles, was ich zum Leben brauche. Bis sich später die ersten Blüten bilden, muss ich für viele Wochen nur noch eines tun, nämlich wachsen.

  

 

Vor 70 Jahren

 

In den ersten Tagen nach der Befreiung Hannovers wurde den Menschen langsam bewusst, dass sie den Krieg überlebt und die Hetzparolen der Nazis von den wütenden feindlichen Truppen sich nicht bewahrheitet hatten.

 

Endlich hatten auch das Sirenengeheul und die folgenden Angriffe aus der Luft ein Ende und man konnte nachts wieder mehr oder weniger ruhig schlafen.

 

Schon bald begannen dafür ganz neue Probleme. Durch den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung verbreitete sich in der Stadt ein entsetzliches Chaos. Die amerikanischen und englischen Soldaten waren noch nicht in der Lage für Ordnung zu sorgen und eine hannoversche Polizei gab es nicht mehr.

 

So wurde geplündert und geraubt, wie es Hannover noch nicht erlebt hatte. Jeder versuchte irgendwie an Nahrungsmittel oder Wertgegenstände zu gelangen, oft auf illegale Weise, weil keine Bestrafung mehr zu befürchten war.

 

Besonders dramatisch wurde es, wenn sich herumsprach, dass irgendwo größere Mengen an Lebensmittel verfügbar waren, z.B. aus geheimen Lagerstätten der Wehrmacht. Die Menschenmassen, die sich dann urplötzlich in Bewegung setzten, flößten sogar den vom Kriegsalltag abgehärteten alliierten Soldaten Angst ein. Sie schritten bei solchen Ereignissen in der Regel nicht ein, weil sie eine weitere Eskalation oder den Ausbruch von Massenpaniken fürchteten.  

 

Plünderung eines Geschäfts in Hannover nach Kriegsende
Plünderung eines Geschäfts in Hannover nach Kriegsende
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Di

14

Apr

2015

14. April  -  Keimling entfernen

 

Wer später Saatgut ernten möchte, sollte darauf achten, dass er dafür nur von gesunden und gut gewachsenen Pflanzen die Tomaten auswählt. Auch die Entwicklung des Keimlings spielt dabei eine wichtige Rolle. 

 

Ich hatte Euch ja am 1. April empfohlen, zwei Samenkörner pro Blumentopf auszusäen. Einen Keimling solltet ihr nun entfernen und nur den größeren im Blumentopf lassen. Falls sich ein Keimling nicht richtig entwickelt hat, wenn zum Beispiel nur ein Keimblatt vorhanden ist, sollte dieser Keimling auch entfernt werden.

 

Ihr müsst den entfernten Keimling nicht wegschmeißen, sondern könnt ihn in einen anderen Blumentopf setzen. Saatgut solltet ihr von dieser Pflanze später jedoch nicht ernten.

 

Die Pflanze(n), die ihr für die Saatgutgewinnung ausgewählt habt, solltet Ihr gut markieren, damit es später keine Verwechselungen gibt.  

 

Vor 70 Jahren

 

Kurz nachdem die Amerikaner Hannover eingenommen hatten, übernahmen englische Truppen die Kontrolle über die Stadt. Diese ernannten gleich am 11. April den SPD-Politiker Gustav Bratke zum neuen Oberbürgermeister, obwohl er schon 67 Jahre alt war. 

 

Nach dem Krieg war es sehr schwer, geeignete jüngere Menschen für politische Posten zu finden. Viele waren als Soldat gefallen oder befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft. Nicht wenige wurden außerdem in Konzentrationslagern umgebracht, weil sie gegen die Politik der Nationalsozialisten waren. 

 

Seit 1933 hatten die Nationalsozialisten zudem alle anderen Parteien verboten, so dass sich zwölf Jahre lang keine neuen demokratischen Politiker entwickeln und Erfahrung sammeln konnten.

 

Aus diesem Grund gab es nach dem Krieg überwiegend ältere Politiker in Deutschland, die bereits in den 20er Jahren politisch tätig gewesen waren.

 

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Sa

11

Apr

2015

11. April  -  Ungleichmäßiges Wachstum

 

Vielleicht sind Eure Keimlinge vom "Roten Heinz" noch nicht so weit entwickelt wie auf dem Foto gestern, obwohl Ihr sie am 1. April eingesät habt. Vielleicht sind sie aber auch schon größer.

 

Beides ist gut möglich, denn bei alten Gemüsesorten wie mir ist es ganz normal, dass die einzelnen Pflanzen unterschiedlich schnell wachsen.

 

Für die Bauern damals wäre es unpraktisch gewesen, wenn sich alle Pflanzen gleich schnell entwickelten, weil sonst auch die Ernte gleichzeitig angefangen und aufgehört hätte.

 

Viele alte Gemüsesorten lassen sich deshalb über einen größeren Zeitraum beernten, so dass man länger etwas von ihnen hat.

 

Bei den modernen Sorten hat man diese Eigenschaft weggezüchtet, weil man für den Massenanbau möglichst gleichförmige Pflanzen und Früchte haben möchte, bei denen man den Erntetermin möglichst genau vorhersagen kann.

  

 

Heute vor 70 Jahren

 

In den Geschichtsbüchern endet der 2. Weltkrieg am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation Deutschlands. Für die meisten Hannoveraner hatte dieser Tag jedoch keine größere Bedeutung mehr, denn für sie war der Krieg längst vorbei. 


Für Hannover war der 11. April die sogenannte "Stunde Null". Diese Bezeichnung wurde und wird für das Kriegsende oft verwendet. Man drückte damit aus, dass man mit allem Vergangenen abschließen und ganz von vorn beginnen wollte. Ganz so einfach war das jedoch nicht, denn der Krieg hinterließ tiefe Spuren und Wunden bei den Menschen. 


Auf den folgenden Bildern seht Ihr die Zerstörung, die der Krieg in Hannover angerichtet hatte. So ähnlich mag es auch in den Seelen der Menschen ausgesehen haben.


Der zerstörte Hauptbahnhof
Der zerstörte Hauptbahnhof
Kröpcke
Kröpcke
Blick auf die Altstadt
Blick auf die Altstadt

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Fr

10

Apr

2015

10. April 


Die Keimwurzel bildet nun sogenannte Wurzelhaare. Das sind die kleinen Seitentriebe, die Ihr unten auf dem Bild sehen könnt. Damit kann die Pflanze noch mehr Wasser und Nährstoffe aufnehmen und bekommt einen sichereren Halt in der Erde.


 

Heute vor 70 Jahren

 

In der Nacht zum 10. April wurde das gesamte hannoversche Stadtgebiet von Artillerie (Kanonen) beschossen, so dass die Einwohner Schutz in Bunkern suchen mussten.

 

Bei dichtem Nebel begann um 5 Uhr morgens der Einmarsch amerikanischer Truppen in den nordwestlichen Stadtteilen. Lautsprecherwagen forderten die Bevölkerung auf, in den Kellern und Bunkern zu bleiben.

 

Nur vereinzelt trafen die Amerikaner auf den Widerstand deutscher Soldaten, so dass sie schnell über Schulenburger Landstraße, Engelbosteler Damm und Vahrenwalder Straße ins Stadtzentrum vordringen konnten.

 

Noch am Vormittag erfolgte die offizielle Übergabe der Stadt Hannover an die Alliierten.

 

Stadtrat Müller erinnerte sich an die folgende Szene:

 

[...]

Wir rauchten im Zimmer des Oberbürgermeisters noch die letzte dicke Zigarre. Da riss ein Ratsdiener die Tür auf, und zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten kamen herein und hinter ihnen ein Captain Johnson, der mich fragte:

"Sind Sie der Oberbürgermeister von Hannover?"

"Nein, ich vertrete ihn. Er ist abwesend!"

"Dann teile ich Ihnen mit, dass die alliierten Truppen Hannover besetzt haben und dass alles der alliierten Truppengewalt untersteht!"

"Ich nehme davon Kenntnis!"

[...]

 

Mit diesen Worten war der 2. Weltkrieg für Hannover beendet. 

 

 

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Do

09

Apr

2015

9. April  -  Lüften

 

Sobald die Keimblätter sichtbar sind, solltet ihr auf eine ausreichende Lüftung achten. Anzuchtschalen mit Plastikdächern zum Beispiel haben meistens kleine Lüftungsvorrichtungen, die ihr nun öffnen solltet, falls ihr solche Schalen verwendet.

 

Manche von Euch haben vielleicht eine Folie über einen Blumentopf gespannt, damit die Erde nicht so schnell austrocknet. Diese könnt ihr nun entfernen. Auf keinen Fall sollten sich kleine Wassertropfen an den Keimblättern bilden, weil diese schnell zu Pilzbefall führen.

  

 

Heute vor 70 Jahren

 

Am 9. April verschwanden in Hannover, wie von Geisterhand, sämtliche Uniformen von den Straßen. Alles, was jemanden als Nazi hätte entlarven können, wurde verbrannt oder versteckt.

 

In den Tagen zuvor wurde das nationalsozialistische Denken und Handeln aber noch einmal auf die Spitze getrieben. Der hannoversche Gauleiter, also der oberste Nationalsozialist der Stadt, rief alle Hannoveraner zum erbitterten Widerstand gegen den Feind auf.

 

Im Radio verlas er am 4. April einen Appell mit dem Titel "Lieber tot als Sklave", der auch in der hannoverschen Zeitung veröffentlicht wurde.

 

Dies ist ein Auszug daraus:

 

[...]

Wir sind gewillt und entschlossen, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten erbarmungslos einzusetzen, um unsere niedersächsische Erde, unsere Frauen und das höchste und wertvollste Gut, unsere Kinder, vor dem Zugriff der Anglo-Amerikaner und der ihnen folgenden Juden, Neger, Zuchthäusler und Gangster zu schützen. Verloren ist nur das, was man verloren gibt! Auch dieser Krieg wird nur dann ein unübersehbares und schreckliches Ende finden, wenn wir kapitulieren. Dazu besteht nicht nur keine Veranlassung, sondern auch keine Möglichkeit. Irrsinnig der, der an die Möglichkeit eines ehrenvollen Friedens glaubt und die englisch-amerikanischen Feinde anders als die Horden Stalins einschätzt. [...]

 

Der Gauleiter Hartmann Lauterbacher hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seine Flucht geplant und setzte sich am 8. April in Richtung Harz ab. Für seine Taten wurde er nie zur Verantwortung gezogen, weil man ihm keine konkreten Verbrechen nachweisen konnte.

 

Nach dem Krieg machte er z.B. als Diplomat oder als Mitarbeiter des Bundes-nachrichtendienstes Karriere. Seine internationalen Kontakte, die er u.a. als Stabsführer der Hitlerjugend geknüpft hatte, waren ihm dabei sehr hilfreich. In den 80er Jahren veröffentlichte er seine Memoiren, die keine Zeichen von Reue enthielten und starb 1988 in Seebruck am Chiemsee. 

 

Seinem Appell vom 4. April 1945 folgten in Hannover gerade die jungen, zum Teil erst sechzehnjährigen Jungen. Viele taten dies mit Stolz, denn in der Schule und in der Hitlerjugend hatte man ihnen jahrelang eingetrichtert, dass es eine große Ehre sei, für Hitler und Vaterland zu sterben.

 

Der folgende Filmbeitrag von 1940 zeigt die Ernennung Hartmann Lauterbachers zum Gauleiter von Hannover im Kuppelsaal:

 

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Mo

06

Apr

2015

6. April  -  Keimblätter

 

Die ersten Blätter nennt man Keimblätter, sie haben die Aufgabe, den Keimling mit Nährstoffen zu versorgen. Tomaten haben immer zwei davon, es gibt aber auch Pflanzenarten mit nur einem oder mit mehreren Keimblättern.

 

Man unterscheidet zwischen zwei Keimungsarten. Bei der überirdischen Keimung (= Tomate) befinden sich die Keimblätter über der Erde und betreiben bereits Photosynthese, das heißt sie nutzen die Energie des Sonnenlichts.

 

Bei der unterirdischen Keimung bleiben die Keimblätter in der Erde und dienen lediglich als Speicherorgane. Sie ernähren den Keimling so lange mit Nährstoffen, bis die ersten richtigen Blätter sich ausgebildet haben und Photosynthese betreiben können. Sobald dieses geschieht, sterben die Keimblätter ab.

  

 

Heute vor 70 Jahren

 

Ihr wusstet sicher, dass während des 2. Weltkriegs schlimme Verbrechen von Deutschen begangen wurden. In den letzten Apriltagen bevor der Krieg in Hannover zu Ende ging, gab es leider auch hier sehr viele davon.

 

Menschen, die jahrelang als Zwangsarbeiter in hannoverschen Fabriken und Arbeitslagern wie Sklaven gehalten wurden, trieb man zu Tausenden in weit entfernte Konzentrationslager. Bei diesen sogenannten Todesmärschen kamen viele von ihnen ums Leben.

 

Es war ein völlig sinnloses Sterben, denn der Krieg war so gut wie vorbei. Doch die deutsche Regierung wollte verhindern, dass die Häftlinge in die Hände der Befreier gerieten, damit nichts von den Verbrechen an ihnen bekannt würde.

 

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich in diesen Tagen auf einer Fensterbank in der Podbielskistraße gerade das Licht der Welt erblickte. Auf der Straße war eine lange Menschenkolonne zu sehen. Die Frauen und Männer konnten sich vor Hunger und Schwäche kaum auf den Beinen halten und sobald jemand stürzte, richteten die Wachmänner ihre Gewehre auf sie und schossen. 

  

Gedenkfriedhof mit Mahnmal am Nordufer des Maschsees
Gedenkfriedhof mit Mahnmal am Nordufer des Maschsees

 

Der 6. April 1945 ist wahrscheinlich der dunkelste Tag in der Geschichte Hannovers.

Das Verbrechen, das an diesem Tag begangen wurde, ist so schrecklich, dass ich Euch jetzt noch nicht alles darüber erzählen möchte.

 

In der Nähe des Maschsees gibt es einen Friedhof, der an diesen Tag erinnert und auf dem Ihr der Menschen gedenken könnt, die an diesem Tag gewaltsam ihr Leben verloren. Im Mai werde ich Euch darüber mehr erzählen.

 

Fr

03

Apr

2015

3. April  -  Keimvorgang

 

Leider seht Ihr in den ersten Tagen nichts von dem kleinen Wunder, das sich in der Erde abspielt, denn das Samenkorn wird schon kurz nach der Aussaat zum Leben erweckt.

 

Zunächst nimmt es Wasser aus der feuchten Erde auf, bis es ungefähr das dreifache seines ursprünglichen Gewichts erreicht hat. Die Samenschale dehnt sich dabei und wird ganz weich, bis sie irgendwann von der winzigen Keimwurzel durchbrochen wird, die sich ihren Weg in Richtung Erdanziehung sucht.


Mit der Keimwurzel kann der Samen nun noch mehr Wasser aber auch Nährstoffe aufnehmen, außerdem dient sie dazu, der angehenden Pflanze festen Halt in der Erde zu geben.

 

Keimwurzel des "Roten Heinz"
Keimwurzel des "Roten Heinz"

 

Schon bald nach der Keimwurzel beginnt auch der Spross zu wachsen. Dieser macht genau das Gegenteil, er wächst nämlich entgegen der Erdanziehung in Richtung Licht, welches für jede Pflanze genauso lebensnotwendig ist, wie Wasser und Nährstoffe.

 

Die folgende Filmaufnahme zeigt im Schnelldurchgang die ersten Tage eines Tomatenkeimlings von oben betrachtet.

 

 

Heute vor 70 Jahren

 

Im Stadtgebiet von Hannover gab es Anfang April 1945 nicht sehr viele Kinder, denn noch war es wegen der Bombenangriffe sehr gefährlich hier zu wohnen. Die Eltern schickten ihre Kinder deshalb oft aufs Land zu Freunden und Verwandten, wo es sicherer war.

 

In den Dörfern um Hannover gab es zudem auch eine bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln und mehr Brennholz zum Heizen. Außerdem waren die Häuser auf dem Land noch weitestgehend heil geblieben, so dass es dort mehr Wohnraum gab, als in der zerstörten Stadt.

 

Die verbliebenen Kinder, aber auch alle Erwachsenen in der Stadt, blickten den kommenden Tagen mit großer Spannung entgegen, denn die amerikanischen und englischen Soldaten waren schon sehr nah. Einige hatten bereits die Weser überquert und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie Hannover erreichten.

 

Niemand wusste, was in den nächsten Tagen geschehen würde und aus der Ferne war schon manchmal das Donnern der Kanonen zu vernehmen, das sich wie ein näher kommendes Gewitter anhörte.

 

 

Mi

01

Apr

2015

1. April  -  Aussaat

 

Endlich ist es soweit. Nach fast einem halben Jahr Winterruhe in einer langweiligen Papiertüte, darf ich heute wieder zurück in die Erde.

 
Für alle, die mich noch nicht kennen: Ich heiße Roter Heinz und bin eine alte Tomatensorte aus Hannover. Schon vor über 70 Jahren war ich in Hannover bekannt und wurde in vielen Gärten angebaut. Wenn ihr wollt, erzähle ich Euch in den nächsten Monaten mehr von mir und meiner langen Geschichte. 

 
Nun soll es aber losgehen, denn im April ist es eigentlich schon ein bisschen spät, um mit der Anzucht von Tomatenpflanzen zu beginnen.

 
Zunächst reicht mir ein kleiner Blumentopf gefüllt mit Anzuchterde auf einer warmen Fensterbank mit möglichst viel Sonnenlicht. Am besten steckt Ihr zwei Samenkörner 1cm tief in die Erde. Die Körner sollten nicht zu dicht nebeneinander liegen, sondern einen Abstand von 2 bis 3cm haben. 

 

Am Anfang bitte nicht so stark gießen. Achtet aber darauf, dass die Erde in den nächsten Tagen etwas feucht bleibt und nicht zu trocken wird. 

 

Zwei Samenkörner des "Roten Heinz" in feuchter Anzuchterde.
Zwei Samenkörner des "Roten Heinz" in feuchter Anzuchterde.

 

Heute vor 70 Jahren

 

Der 1. April 1945 war ein sonniger und milder Ostersonntag. Über der Stadt lag eine erschöpfte, gespannte aber auch hoffnungsvolle Stille.

 

Bestimmt hat es auch an diesem Tag Kinder in Hannover gegeben, die Samenkörner von mir in einen Blumentopf säten und den Topf auf eine Fensterbank stellten.

 

Leider gab es zu dieser Zeit nicht mehr viele unversehrte Fensterbänke in Hannover, denn die Stadt war ein einziger Trümmerhaufen. Über die Hälfte aller Häuser waren während des 2. Weltkriegs zerstört worden, der nun schon über fünfeinhalb Jahre dauerte.

 

Die Ruine der Ägidienkirche erinnert noch an die zerstörte Stadt 1945
Die Ruine der Ägidienkirche erinnert noch an die zerstörte Stadt 1945

 

Doch die Bombenangriffe der Flugzeuge würden bald aufhören, das wussten die meisten Kinder und die reifen Tomaten würde man bereits nach Kriegsende ernten.

 

Was aber nach dem Krieg sein würde, war jedoch ganz ungewiss und noch war es nicht vorbei. Erst wenige Tage war es her, als die Stadt Hildesheim bei einem Luftangriff völlig zerstört wurde, die bis dahin größtenteils verschont geblieben war.

 

Auch Hannover war in der Nacht zu Karfreitag noch einmal Ziel englischer Fliegerbomben, doch sollte dieser der letzte von insgesamt 128 Angriffen auf Hannover gewesen sein.