„Das Große Freie“ ist ein im 12. Jahrhundert entstandenes historisches Gebiet in der Region Hannover-Braunschweig-Hildesheim. Die dort lebenden Menschen hatten außergewöhnliche Freiheitsrechte. Sie waren keinem Grundherrn verpflichtet, durften frei über Ihr Land verfügen, freien Handel betreiben und frei ihr Gewerbe ausüben. Steuern, Zölle und viele andere Abgaben hatten sie nicht zu entrichten. Mit eigener Gerichtsbarkeit und eigenem Militär fungierte dieses winzige, selbst-verwaltete Gebiet über viele Jahrhunderte hinweg fast wie ein kleiner Staat.

 

Die Ursprünge dieser Freiheitsrechte reichen vermutlich zurück bis in die Zeit Karls des Großen und wurden bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert hartnäckig und erfolgreich verteidigt.

 

Als zum Beispiel im Jahr 1748 eine neue Postroute von Hannover nach Braunschweig eingeführt wurde, die mitten durch das Gebiet des „Großen Freien“ führte, konnten die Einwohner dieser neumodischen Einrichtung nichts Gutes abgewinnen. Sie waren entrüstet und fühlten sich in ihren traditionellen Freiheitsrechten eingeschränkt. Durch die täglichen Postkutschen sahen sie allerhand Unheil von außen über ihr Land kommen und leisteten solange Widerstand, bis die Postroute in den 1770er Jahren wieder aufgegeben wurde.

 

Wie hätten die Menschen dieser Region damals reagiert, wenn man ihnen von der Entwicklung der folgenden 200 Jahre erzählt hätte? 1843 wurde die Eisenbahnstrecke Hannover-Lehrte eröffnet, zwei Jahre später bereits die Bahnstrecke Lehrte-Hildesheim. König Ernst August von Hannover wollte den lauten und stinkenden Bahnverkehr in seiner Stadt begrenzen und ließ die Nord-Süd-Trasse vor die Tore Hannovers verlegen. So entstand der damals wichtigste Eisenbahnknotenpunkt Norddeutschlands direkt neben dem kleinen Bauerndorf Lehrte.

 

In den 1930er Jahren folgte der Bau der Autobahn 2 nördlich von Lehrte und 30 Jahre später entstand mit der A7 ein weiterer bedeutender Verkehrsknotenpunkt westlich von Lehrte. 1928 wurde außerdem das Jahrhundertprojekt Mittellandkanal fertiggestellt, der Landschaft und Natur in Ost-West-Richtung zerteilte. 

 

 

Ortschaften des "Großen Freien"
Ortschaften des "Großen Freien"

 

 

Ein weiteres wichtiges Ereignis war der Anfang des 20. Jahrhunderts begonnene Kalibergbau. Das "Große Freie" wurde in den folgenden Jahrzehnten großräumig untergraben und zwei riesige Kalihalden prägen die Landschaft seitdem.

 

Heute betreibt hier einer der weltgrößten Düngesalzhersteller eine wichtige Produktionsstätte. Aufgrund der idealen logistischen Verkehrslage werden die synthetisch erzeugten Düngemittel kostengünstig exportiert und tragen so weltweit zur Überdüngung, Auslaugung der Böden und Beeinträchtigung des Bodenlebens bei.

 

 

Kaliberg bei Sehnde
Kaliberg bei Sehnde

 

Fast scheint es so, als hätten die Menschen 1748 mit ihrem Protest gegen die Postroute eine Vorahnung von den Folgen der Entwicklung gehabt, welche zur selben Zeit ihren Anfang nahm und die man später "frühindustrielle Zeit" nennen würde.

 

Die Freiheitsrechte, die den Bewohnern über viele Jahrhunderte so wichtig waren, haben im Zuge der Industrialisierung an Bedeutung verloren und sind beinahe in Vergessenheit geraten. Neue Abhängigkeiten und Zwänge sind entstanden, denen sich kaum jemand zu entziehen vermag: Geld, Konsum, globaler Markt, Fremd-versorgung, EU-Regulierung, Saatgutmonopole, …usw.

 

Blogeinträge zum Großen Freien